Eine Handvoll Bücher – 01/25

Herzlich Willkommen zur ersten Ausgabe der buchigen Handvoll in diesem Jahr. Heute mit: Sandstürmen in Qatar, Träume in Europa, Weihnachten in Finnland, Monster aus Brunnen und Gedankenexperimente aus Japan.

Die im Text erwähnten Bücher nebeneinander mit Cover nach vorne aufgereiht

Sturmflirren

Die Handlung: Rea hat eigentlich alles, was sie braucht. Bis ihr Vater eine Stelle als Diplomat in Qatar bekommt. Den Umzug nach Doha steckt sie überhaupt nicht gut weg und kann sich weder an das Wüstenklima noch die andere Kultur gewöhnen. Bis sie ein geheimnisvolles Phantom trifft und mit einer neuen Freundin bei illegalen Autorennen in der Wüste dabei ist.

Meine Meinung: Tokioregen war 2023 mein Jahreshighlight. Umso gespannter war ich als Autorin Yasmin Shakarami ihr neustes Werk ankündigte. Leider war ich dann auch direkt etwas abgeschreckt. Denn die Handlung sollte in Qatar spielen und nach Tokioregen befürchetet ich, dass hier wieder so viel Fernweh erzeugt wird, dass einige dieses politisch leider ziemlich problematische Land aufsuchen würden. Gerade für mich als queere Person ist der Umgang mit meinen Rechten – bzw. die Abwesenheit dieser – ein großer Kritikpunkt. Doch dann kamen aus meinem Bekanntenkreis die ersten Stimmen und mir wurde versichert, dass meine Befürchtungen unbegründet seien. Also wagte ich einen Blick und kann nur sagen: Sie hatten Recht. Ich habe auch dieses Buch absolut geliebt, denn es zeigt die Seiten Qatars, die gern versteckt werden bzw. auch strafrechtlich verfolgt werden. Wir lernen die queere Community kennen. Wir lernen arm und reich, strenggläubig und freigeistig kennen und dabei wird aber auch nichts hinterm Berg gehalten. Die politische Realität und die Strafverfolgung wird ungeschmückt erzählt und eingebunden. Aber auch ich habe hier gelernt über den Tellerrand hinaus zu schauen und nicht alles in schwarz-weiß zu sehen. Das ganze untermalt Shakarami mit einer tollen Geschichte, auch wenn ich ein bisschen gebraucht habe, um mich an die Protagonistin zu gewöhnen. Jetzt warte ich sehnsuchtsvoll auf weitere Werke von ihr.

Anna – this is my dream

Die Handlung: Anna hat einen guten Job, eine stablige Ehe und zwei wunderbare Kinder. Doch irgendetwas schien all die Zeit zu fehlen. Bis sie auf Grace trifft, die als Straßenmusikerin ihren Traum lebt. Die beiden freunden sich an und starten gemeinsam ihre Karriere. Doch Anna erfährt bald von Grace Geheimnis, das ihre gemeinsame Zeit mit einem unausweichlich näherrückendem Ende umhüllt.

Meine Meinung: Ein Buch, so ganz anders, als alles andere, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Es geht um Träume und warum man mit ihrer Erfüllung nicht warten sollte. Dabei sind viele nachdenkliche Aspekte mit eingebunden ohne je belehrend zu wirken. Im Vordergrund steht die Frage, was möchte ich machen, wenn mir egal ist, was andere davon halten. Warum nicht mal von der gewohnten Routine ausbrechen und schauen, was am Wegesrand noch so zu finden ist? Das ganze wird untermalt mit einer liebevollen Geschichte über eine Frau Anfang Vierzig, die eigentlich ein glückliches Leben führt. Sie hat ihre große Liebe geheiratet, einen gut bezahlten Job und zwei Kinder, die sie über alles lieben. Doch warum an diesem Punkt aufzuhören zu träumen? Und statt jetzt einfach alles hinzuschmeißen und irgendwo ganz neu anzufangen, versucht sie ihren neu entwickelten Traum zusammen mit Grace zu verwirklichen und dabei ihre Familie miteinzubeziehen. Gerade das fand ich sehr erfrischen, dass es eine Geschichte über einen Neuanfang ist, ohne die Schuld direkt bei der Familie zu suchen, die sie ja „einenge“. Stattdessen ist es gerade die liebevolle Familie und das damit verbundene Sicherheitsnetz, das ihr den Mut gibt, aus sich herauszukommen. Dennoch ist es keine Feel-Good Geschichte, da gerade Grace und ihre Krankheit noch wichtig werden und wir hier direkt bei der innigen Freundschaft der beiden mitleiden. Taschentücher sollten auf jeden Fall bereit gehalten werden.

Lovely, Hateful Christmas

Die Handlung: Levi reist kurz vor Weihnachten nach Finnland, seiner Heimat, um dort seine Kindheit aufzuarbeiten. Leider lässt ihn zuvor sein Mietwagen im Stich und er landet in seiner persönlichen Hölle: Dem Weihnachtsmanndorf in Rovaniemi. Dort trifft er auf Juna, die Weihnachten über alles liebt. Kann sie Grinch-Levi von der Schönheit des Festes überzeugen?

Meine Meinung: Weihnachts-Romance. Dinge, um die ich generell lieber einen Bogen mache. Doch durch einen Zufall (oder Glück am Glücksrad) ist es auf der Buch Berlin in meinem Beutel gelandet und wurde daher auch passend in der Vorweihnachtszeit gelesen, da der Klappentext zwar sehr nach Klischee, aber auch irgendwie interessant klang. Hätte ich es mal gelassen. Dachte ich am Anfang noch, okay immerhin spielt es in Rovaniemi und das könnte doch ganz interessant werden, kam ich kurz darauf aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Denn unsere liebe Weihnachtssüchtige Juna hat sich eine Hütte im Weihnachtsdorf gemietet, um dort zu bezahlen, um dort arbeiten zu dürfen. Und weil sie es so gern macht, hat sie ihr Zimmer einfach nie wieder geräumt. Und Levi gerät natürlich ausversehen in genau diese Hütte und soll jetzt gänzlich ungelernt direkt mitarbeiten und bezahlt auch noch dafür? Das es solche Schnuppertage geben könnte, will ich gar nicht abstreiten, aber bestimmt nicht für Monate bzw. Jahre. Ansonsten sind die beiden auch mit so ziemlich allen Aktivitäten, die man auf der Website des Dorfes finden kann, beschäftigt, und nur ganz selten wirklich am arbeiten. Oder begleiten gleich ganze Gruppen mit Aufsichtspflicht, was ich glaube niemand ungelernten Touris anvertrauen würde. Wenn wir aber mal von der sehr unlogischen Grundhandlung absehen, bietet das Buch leider auch nicht viel mehr. Wir bekommen das typische Grumpy x Sunshine mit Weihnachtsgrinchflavor, aber während ich das Trope normalerweise sehr gern habe, fand ich es hier einfach nur mega anstrengend. Es werden tragische Hintergrundgeschichten aufgemacht, die aber dann natürlich egal sind, weil „Weihnachten rettet alles“.

Brunnengeister

Die Handlung: Einst lebten Wunschgeister im Königreich. Als die lebensfrohe Lina entgegen ihrer Wünsche verheiratet werden soll, erinnert sie sich wieder an die alten Legenden und opfert eine goldene Kugel in einem alten Brunnen. Doch damit erweckt sie eine alte Macht, die besser weiter geruht hätte.

Meine Meinung: Bekanntermaßen zählt Christian Handel zu meinen Lieblingsautoren. Doch seine düstere Märchen-Adaption Schattengold hatte mir nicht wirklich zugesagt. So war ich skeptisch, was denn Brunnengeister könne, war es doch das gleiche Genre und für den gleichen Verlag geschrieben. Aber zum Glück gibt es bei mir in der Regel zweite Chancen, denn dieses Buch hätte ich nicht verpassen wollen. Ich war von Anfang an direkt in der Handlung gefangen und habe es in zwei Tagen durchgesuchtet. Hier wird das Motiv des Froschkönigs aufgegriffen und wunderbar feministisch ausgebaut. Das ganze gesprickt mit den düsteren Elementen, einem Königreich am Abgrund und der großen Frage, wem man trauen kann und wem nicht. Hier passt einfach alles zusammen und mehr als einmal musste ich meine Theorien überdenken. Christian Handel beweist hier einmal mehr sein Fingerspitzengefühl beim Schreiben von Charakteren und sein großes Wissen über Märchen und ihre Mechanismen. Bin dann bereit für ein neues Buch.

Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden

Die Handlung: Ein junger (namenloser) Briefträger wird mit seinem bevorstehendem Tod konfrontiert. Da taucht der Teufel bei ihm auf und schlägt ihm einen Deal vor. Für jeden Tag, den der Protagonist länger leben darf, entfernt der Teufel eine Sache von der Welt. Zunächst scheint die Sachlage einfach, denn es gibt so viel unnützes Zeug auf der Welt. Doch was, wenn sich damit auch der eigene Charakter ändern würde?

Meine Meinung: Ein Buch, dass ich allein vom Titel her nicht auf dem Schirm gehabt hätte. Aber als Weihnachtsgeschenk passte es super und ich war doch gespannt, wie das Gedankenexperiment aussehen würde. Leider entwickelte es sich zunächst zu eine ziemlich „Clickbait“-Titel, da es hier zunächst, um ganz andere Dinge geht, die von der Welt verschwinden. Trotzdem war es direkt spannend und stellt den Protagonisten vor eine interessante Grundsatzfrage: Was ist man selbst bereit für einen weiteren Tag Leben aufzugeben. Und wie verlebt man dann diesen Tag? Spontan fallen einem so viele Dinge ein, auf die man verzichten könnte, aber man darf sie nicht selbst aussuchen. Fällt einem auf, wenn etwas auf einmal fehlt? Was wenn diese Dinge, die eigene Persönlichkeit beeinflusst haben? So tasteten wir uns durch die Geschichte und horchen dabei auch immer wieder ins uns hinein. Was wäre, wenn … Mit 192 Seiten handelt es sich um ein sehr dünnes Buch, was ich in kürzester Zeit durch hatte, dennoch mochte ich die aufgemachten Fragen und habe die Geschichte sehr genossen.

Habt ihr eins davon gelesen? Wie fandet ihr es?

Neulich in der Sneak: Anna

Ein Vorwort

Ein Agententhriller, der sich mit dem russischen KGB befasst, bekamen wir bereits im letzten Jahr mit einer stark spielenden Jennifer Lawrence in der Hauptrolle zu sehen. Red Sparrow war brutal und ehrlich und beschönigte nichts. Nun versucht sich Regisseur Luc Besson, bekannt für Leon – der Profi, aber auch Lucy und zuletzt der missglückte Valerian, erneut an dem Stoff. Mit Sasha Luss als Anna hat er zumindest eine Russin als Protagonistin gecastet. Ob auch das übrige Konzept aufgeht, erfahrt ihr in meiner Kritik.

Die Handlung

Anna Poliatova (Sasha Luss) wird als Modell rekrutiert und reist nach Paris, um dort ihre Karriere zu starten. Nachdem sie jedoch einen ihrer Chefs erschießt, erfährt man in einer Rückblende, dass sie eigentlich als Agentin für den KGB ausgebildet wurde. Die Tarnung als Modell erlaubt ihr jedoch unerkannt durch Paris zu morden. Doch Anna verfolgt auch heimlich ihr eigenes Ziel, ihren größten Herzenswunsch.

Meine Meinung

Die Castingliste von Anna liest sich im Vorhinein schon einmal sehr gut. Mit Sasha Luss, einem russischen Modell, hat man eine glaubhafte Protagonistin gefunden. Mit an ihrer Seite spielen Luke Evans, Cillian Murphy und eine wie immer großartige Helen Mirren. Mit dieser Castingliste hatte Newcomerin Sasha Luss es nicht einfach, um sich durchzusetzen. Hatte sie doch bisher nur eine kleine Rolle in Bessons letztem Film Valerian – Stadt der tausend Planeten. Dennoch schafft sie es sich durchaus durchzusetzen, auch wenn an den mimischen Feinheiten natürlich noch gefeilt werden kann.
Anna ist ein Film, der handlungstechnisch im Prinzip absolut rund erzählt wird, jedoch tatsächlich nur beim ersten Mal sehen funktioniert. Denn die Handlung wird nicht stringent erzählt, sondern immer wieder durch Rückblenden unterbrochen, die das bisher erzählte einem ganz neuen Blickwinkel geben. Sobald man aber weiß, was vorher passiert ist, entfällt beim zweiten Mal sehen jeglicher Überraschungseffekt. Besson übertreibt dieses Prinzip leider ab einem gewissen Punkt auch, so dass die Anzeige „3 Monate zuvor“ fast schon wie ein Running Gag wirkt. Dies nimmt dem Film vieles seiner Ernsthaftigkeit. Abgesehen davon handelt es sich aber um einen spannenden Agententhriller, der keine Kompromisse eingeht. Hier weiß man tatsächlich selten, was die einzelnen Charaktere denken oder gerade planen. Andererseits wirken die Motive der beiden Herren (Evans & Murphy) sehr eindimensional. Zum einen wollen sie beide ihr jeweiliges Land verteidigen, andererseits wirkt Anna einen gewissen Charme auf sie aus. Dahingegen weiß man bei den beiden Damen (Luss & Mirren) selten, was sie genau mit ihren Taten bezwecken. Somit haben wir hier auch einen Film mit zwei starken weiblichen Charakteren.
Letztendlich macht Luc Besson mit seinem neusten Werk sehr viel richtig. Er ist gut choreographiert, spannend, und mit guten Schauspielern für starke Charaktere bestückt. Was ihm fehlt ist die konsequente Erzählung. Denn das Zerpflücken der Handlung mit ständigen Rückblenden nimmt dem Film Ernsthaftigkeit und Spannung.

Das Fazit

Anna ist ein interessanter Film mit guten Darstellern, Hanndlung voller Wendungen und gutem Szenenbild und Choreographien. Dennoch kostet ihm die Rückblendenerzählung einige Pluspunkte. Dafür gibt es 07 von 10 möglichen Punkten.