The Zone of Interest

Ein Vorwort

Schindlers Liste, Son of Saul, Das Leben ist schön. So unterschiedlich die Filme in ihrer Herangehensweise sind, so widmen sie sich alle dem gleichen dunklen Abschnitt in der Geschichte. The Zone of Interest zieht uns ebenfalls an die Mauern von Auschwitz, macht aber vor den Toren halt und erzählt die Geschichte der Familie eines deutschen Offiziers. Warum der Perspektivwechsel gut funktioniert, erfahrt ihr in meinem heutigen Beitrag.

Die Handlung

Familie Höß, dass sind Vater Rudolf (Christian Friedel), Mutter Hedwig (Sandra Hüller) und ihre fünf Kinder. Rudolf ist Lagerkommandant in Auschwitz und daher hat seine Familie ein Haus direkt an den Mauern des Konzentrationslagers. Tag und Nacht dringt die Geräuschkulisse des Lagers zur Familie, die ihrem normalen Alltag nachgehen.

Meine Meinung

Ein Film über das KZ Auschwitz aus der Sicht eines der leitenden Offiziere und seiner Familie, konnte das funktionieren? Ein Film, in dem es keine einzige explizite Szenen aus dem Lager selbst gab, sondern lediglich das Familienidyll außerhalb der Mauern gezeigt wird. Ein Film, in dem dennoch Auschwitz immer im Hintergrund ist und die Geräusche des Lagers dauerhaft zu hören sind.
Die Antwort ist Ja. Es funktioniert, denn der Film spielt viel mit unseren Sinnen. Wir kennen die Geschichte, wir wissen, was hinter den Mauern passiert. Wir wissen woher die Schreie kommen, warum ab und an Schüsse und Hundegebell zu hören ist. Wir müssen es nicht sehen, um das Grauen zu verstehen. Ich hatte zuvor Bedenken, ob diese Prämisse auch über die Laufzeit von 106 Minuten funktioniert und auch hier ist die Antwort eindeutig: Ja! Vordergründig die Geschichte der Familie, ohne eine direkte Handlung, eher immer wieder einzelne Szenen aus dem Alltag. Die Familie beim Baden. Die Familie bekommt neue „Fundsachen“ aus dem Lager. Ein Sommerfest. Alles wirkt irgendwie belanglos und doch erschafft der Film eine einzigartige Atmosphäre der Beklemmung. Denn wir müssen die Gräuel hinter den Mauern nicht sehen, um zu wissen, dass sie da sind.
Auch wird viel über Perspektiven gearbeitet. Während sich die Familie selbst an ihre Umgebung gewohnt hat und das meiste nicht mehr wirklich wahrzunehmen scheint, ändert sich dies, als die Mutter von Hedwig zu Besuch kommt. Während sie Anfangs noch sehr abgebrüht über das Thema sprechen kann, wird es ihr gerade in der Nacht zu viel. Denn zu wissen, dass die Lager existieren und der damaligen Meinung über Juden zuzustimmen, war eben doch etwas anderes, als die Rauchfahnen und Feuer permanent zu sehen und die Schreie täglich zu hören. Durch solche Einschübe in den normalen Familienalltag wird sehr viel Handlung vermittelt, ohne, dass es ausgesprochen werden musste.
Durch die Familie wird auch gut beleuchtet, was die Nähe zum Lager mit ihnen machte. Harmlose Spielereien der Kinder können schnell einen erschreckenden Twist nehmen. Asche, die von den Kindern geschrubbt werden muss und Gespräche der Erwachsenen, bei denen man sich am liebsten die Ohren zuhalten möchte. Lediglich gegen Ende geht der Film einen Schritt zu weit und inszeniert Höß nicht mehr als Menschen, sondern erhebt ihn zum Monster, was die Aussage des Films ein bisschen überreizt, da er gerade verdeutlicht, dass die Lageroffiziere Menschen mit Familienleben waren. Tagsüber Juden vergast, abends den Kindern Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen. Das ist aber auch nur ein Kritikpunkt an einem sehr starken Film.
Die Liebe zum Detail merkt man dem Film auch an, dass nicht nur versucht hat das Haus der Familie so Originalgetreu wie möglich nachzubauen, es gab auch allein für die Vertonung ein 600 Seiten Dossier, um abschätzen zu können, welche Geräusche in welcher Lautstärke bis zum Haus der Familie gedrungen sind. Kein Wunder, dass dies nicht nur mit dem Oscar für den besten Ton, sondern auch für den besten internationalen Film belohnt wurde.

Das Fazit

The Zone of Interest ist erschreckend, beklemmend und doch unfassbar wichtig, die Geschichte aus deutscher Perspektive zu sehen, ohne, dass die Gräueltaten versteckt oder kleingeredet werden. Der Alltag der Menschen, die sie nicht nur tolerierten, sondern aktiv mitgestalteten. Dafür gibt es 08 von 10 möglichen Punkten.

The Zone of Interest läuft seit dem 20.02.2024 in den deutschen Kinos