Tenet

Ein Vorwort

Der Hoffnungsschimmer der Kinos, der vielverschobene Film, der langersehnte Blockbuster oder einfach der neue Christopher Nolan. Nach einer langen Zeit des Zitterns hat er nun endlich seinen Starttermin in Deutschland gehabt. Bereits lange bevor wir uns mit dem Thema Corona auseinandergesetzt haben, angekündigt, war er lange das Hoffnungslicht der Kinos, weil er im Gegensatz zu den anderen Blockbustern nicht verschoben wurde. Und dann doch, aber immer nur für ein paar Wochen. Und nun ist er tatsächlich im europäischen Markt veröffentlicht wurden, obwohl im Hauptmarkt USA noch immer die Schotten der Kinos dicht sind – was zuvor nicht einmal zur Diskussion stand. Nun sind die Erwartungen an Nolan hoch. Nicht nur, dass er viele Zuschauer in die Kinos zieht, sondern auch, dass er seine Mindfuck-Zeitexperiment-Filmreihe weiterführt. Warum er genau hier leider ein bisschen übertreibt, erfahrt in in meiner Kritik.

Die Handlung

Der Protagonist (John David Washington) wird bei einem CIA-Einsatz in Kiew gefangen genommen und gefoltert. Als er sich aber dagegen entscheidet seine Leute zu verraten und lieber den Tod wählt, wird er in ein künstliches Koma befördert. Als er aufwacht, wird ihm eröffnet, dass er damit einen geheimen Eignungstest für das Geheimprojekt Tenet bestanden hat. Diese befasst sich mit temporal invertierten Waffen und versucht diese zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen. Dabei bekommt er Neil (Robert Pattinson) an die Seite gestellt. Eine erste Spur führt sie nach Mumbai.

Meine Meinung

Was verrät man über diesen Film und was nicht? Eine gute Frage, wo doch jede Äußerung ein potenzieller Spoiler sein kann, zumal sich die Trailer wunderbar bedeckt gehalten haben, wo der Film genau hinführt. Demnach werde ich versuchen möglichst wenig auf die Handlung an sich einzugehen. 
Befassen wir uns zunächst mit den Rahmenbedingungen des Films. Denn hier macht Nolan so ziemlich alles richtig, was man richtig machen kann. Er baut wunderbare Settings auf, die sich alle irgendwo unterscheiden und jedes für sich eindrucksvoll und doch realistisch sind. Dann wechselt er den Film passend mit spannenden Szenen und dialoglastigeren Szenen ab, so dass aber das Spannungsniveau von Anfang bis Ende ganz oben ist. Vor allem die Actionszenen an sich sind ein absoluter Augenschmaus. Gut choreographiert und gerade noch auf einem „Nur ein bisschen abgehoben“-Niveau. Flugzeug am Boden in Gebäude krachen lassen ist zwar beeindruckend, aber weniger abstrus als Sprünge oder Kletterpartien aus/an Flugzeugen – looking at you Tom Cruise. So nimmt man der ganzen Mission irgendwo noch ab, dass sie so abgelaufen sein könnte, aber trotzdem warten beeindruckende Bilder und spannende Stunts auf den Zuschauer. Hier behält man durch die sichere Kamerafahrt von Hoyte van Hoytema, der mit Nolan bereits bei Dunkirk und Interstellar zusammenarbeitete, immer den Überblick über den Fokus der Szene, auch wenn teilweise vieles gleichzeitig passiert. Positiv hervorzuheben ist auch der Soundtrack von Ludwig Göransson, der die Szenen sehr gut unterstreicht, permanent präsent ist und doch nie zu vordergründig wird. 
Kommen wir nun also zu dem schwierigeren Teil bei Tenet. Ich habe es bereits in meiner Einleitung Mindfuck-Zeitexperiment genannt. Eben jenes Spiel mit der Zeit, das Nolan gerne in seine Filme einbaut. Sei es die Rückwärtserzählung von Memento, die drei Zeitebenen in Dunkirk oder die unterschiedlichen Zeitgefühle in den verschiedenen Traumebenen in Inception. Nolan spielt gerne mit der Zeit und auch gerne so, dass am Ende (oder irgendwo mittendrin) ein Mindfuckmoment entsteht. In Tenet hat er nun gleich sein beliebtes Spiel mit der Zeit zum Hauptthema gemacht. Hier konnte er sich einmal richtig austoben und alles rauskitzeln was ging. Nun wenn man den Film als Gesamtkonstrukt sieht, funktioniert das ganze auch erstaunlich gut. So verlässt man am Ende den Kinosaal und ist von den ganzen Eindrücken absolut überwältigt und gerade nach dem großen Finale auch irgendwo wieder mit allem im reinen. Doch gerade zwischendurch merkt man, dass Nolan mehr als einmal in Erklärungsnöte gerät und diese einfach zu überspielen versucht. Dabei wirft er einfach mit ein paar Fachbegriffen um sich, die den Zuschauer mehr verwirren als aufklären und behauptet dann, dass er ja nun alles erklärt hat. Und wenn es daran geht, dass ein paar Logiklöcher auftauchen, werden die einfach mit ein paar Paradoxen erklärt. So ist man am Ende zwar durchaus noch verwirrt, weil einige Handlungsstränge nicht wirklich erklärbar sind. Man muss halt ein paar Dinge akzeptieren. Dazu gehören gewisse Paradoxe, aber vor allem die Ausgangsidee hinter Tenet. Wenn man die einfach als gegeben akzeptiert, hat man einen richtig guten Film. Wenn man anfängt einzelne Sachen zu hinterfragen, fällt aber das Kartenhaus sehr schnell in sich zusammen. 
Mit einer Lauflänge von 150 Minuten ist Tenet streckenweise zu lang. Hier hätte man Zeit gehabt, um dem Zuschauer ein paar mehr Details zu erklären, aber darauf wird verzichtet. Vielleicht auch einfach, weil Nolan es selbst nicht genauer erklären kann. Dennoch ist Tenet an keiner Stelle langweilig. 
Bleibt mir zum Schluss nur noch über die Schauspielleistungen zu sprechen. Fangen wir mit John David Washington an, der als Protagonist den Film größtenteils auf seinen Schultern trägt. Hier macht er grundsätzlich eine gute Figur, spielt dezent, auch wenn man sich manchmal ein bisschen mehr als nur das Pokerface gewünscht hätte. Positiv sticht hingegen Robert Pattinson hervor – und ja ich gehöre zu denen die nach Twilight alle Filme mit Pattinson gemieden haben, vielleicht ein Fehler wie sich hier zeigt. Auch der übrige Cast liefert eine gute Performance ab. Lediglich mit Kenneth Branagh als russischer zwielichtiger Geschäftsmann hatte ich so meine Probleme. Vielleicht weil er für mich immer noch ein wenig Professor Lockhardt (Harry Potter) oder Poirot (Mord im Orient-Express) ist. Auf jeden Fall habe ich ihm den Schläger nicht abgenommen. 

Das Fazit

Tenet ist der Blockbuster auf den wir gewartet haben. Nolan hat sich aber ein bisschen zu sehr in seinen eigenen Anforderungen an die Mindfuck-Zeitexperimente verstrickt, dass man das Gesamtkonstrukt akzeptieren muss, ohne es zu hinterfragen. Wer das kann, wird mit einem wunderbaren Actionthriller sehr gut unterhalten. Dafür gibt es 08 von 10 Punkten.

Tenet läuft seit dem 26.08.2020 in den deutschen Kinos

Dunkirk

Am 27.07.2017 erschien Christopher Nolans Werk über die Evakuierung Dünkirchens in den deutschen Kinos.

1940. Ca. 370 000 Soldaten sind in der französischen Hafenstadt Dünkirchen (englisch: Dunkirk) eingeschlossen und warten auf Rettung über die See, in die Heimat nach England. Dabei kämpfen sie gegen deutsche U-Boote, deutsche Luftangriffe und Naturgewalten, wie Ebbe und Flut.

Wie viele Filme es inzwischen über Geschehnisse im zweiten Weltkrieg gibt, kann wohl kaum noch einer zählen. Doch erstmals wagt sich auch Christopher Nolan an die Thematik. Bekannt für die Batman The Dark Knight Reihe, aber vorallem durch seine Filme, die man mehrfach schauen muss, um alle verworrenen Handlungsstränge verstehen zu können. Dazu zählen u. a. Memento Inception und Interstellar. Die Schlacht bzw. die Evakuierung von Dünkirchen während des zweiten Weltkrieges scheint so gar nicht richtig ins Schema zu passen. Doch Christopher Nolan beweist einmal mehr, dass er zu Recht ein Regisseur von Meisterwerken ist.
Dunkirk wartet gleich mit drei Erzählabschnitten auf. Abschnitt 1 „die Mole“ behandelt die eingeschlossenen Soldaten, die am Strand von Dünkirchen auf Rettung durch Schiffe wartet. Abschnitt 2 „die See“ behandelt die von der Marine beschlagnahmten zivilen Schiffe, die zu einer Rettungsaktion starten, da sie weniger Tiefgang im Wasser haben. Abschnitt 3 „die Luft“ behandelt drei Spitfires von der Royal Air Force, die versuchen die deutschen Bomber aus der Luft aufzuhalten, die wiederum versucht haben die evakuierenden Schiffe aufzuhalten. Das interessante an der Erzählweise der drei Abschnitte ist, dass sie parallel erzählt werden, aber unterschiedliche Längen aufweisen. So dauern die Geschehnisse des ersten Abschnitts eine Woche, die des zweiten einen Tag und die des dritten gerade einmal eine Stunde. So kommt es vor, dass zwischen den Perspektiven hin und her geschnitten wurde und bei den einen Tag und bei den anderen Nacht ist. Gerade diese verworrene Erzählweise, die wieder so typisch für Nolan ist, lässt den Film niemals an Spannung nachlassen. Durch Überlappungen der Abschnitte kommt es nämlich zu Wiederholungen in der Geschichte, von der man zunächst denken könnte, dass es sich um neue handelt.
Dunkirk zeichnet sich auch dadurch aus, dass der gesamte Film mit sehr wenig Dialogen daher kommt. Die Musik von Hans Zimmer ist der ständige Begleiter des Films und auch Zimmer beweist hier einmal mehr, dass er ein Meister auf seinem Fachgebiet ist. Allein der Einsatz von Geigen in einer der Anfangsszenen erzeugt so viel Spannung, obwohl von der Handlung her noch wenig passiert, dass man als Zuschauer permanent an den Kinosessel gefesselt wird. Auch zeigen die Bilder genug, um den Film mit so wenig Dialog auskommen zu lassen.
Dadurch kommt der zweite sehr positive Effekt von Dunkirk zu stande. Im Gegensatz zu anderen Kriegsfilmen, die die reine Brutalität eines Schlachtfeldes einfangen, wie zuletzt beispielsweise Hacksaw Ridge, verzichtet Nolan hier auf blutige Schlachtdarstellung. Dennoch kommt es an keiner Stelle zur Romantisierung des Krieges, was viele Kritiker im Vorfeld des Films befürchtet hatten. Denn Dunkirk zeigt die brutale Realität, verzichtet dabei aber auf die blutigsten Darstellungen. Stattdessen kämpfen die Soldaten in Dunkirk gegen einen praktisch unsichtbaren Feind. Es sind die plötzlich auftauchenden Bomber am Himmel, oder die aus dem nichts kommenden Torpedos, die als ständige Gefahr präsent sind. Und es ist die nackte Angst, die den Soldaten fast durchgehend ins Gesicht geschrieben ist, die den Krieg so real macht.
Nummer 3, warum Dunkirk so gut geworden ist, ist wohl die Tatsache, dass er fast durchgehend auf Helden und Patriotismus verzichtet. Lediglich Tom Hardys Figur scheint den typischen Helden zu mimen. Ansonsten wird der Film aus Sicht von dem typischen Durschnittsssoldaten gezeigt, der eigentlich viel zu jung und unerfahren ist und aus Sicht von Zivilisten, die mehr oder weniger in den Krieg mit reingezogen wurden.
Und so kommt in Dunkirk einfach alles zusammen. Eine realistische, aber unblutige, Darstellung der Ereignisse, kaum Patriotismus, realistische Charaktere, eine durchgehende Spannung, die an keiner Stelle nachlässt, drei verschiedene Handlungsabschnitte, die den Krieg aus verschiedenen Sichten darstellen und das ganze zusammen mit durchgehend guten schauspielerischen Leistungen.

Dunkirk macht praktisch fast alles genau richtig. Über kleinere Details kann man sich immer streiten, aber Dunkirk ist auf jeden Fall eine große Sehempfehlung. Dafür gibt es 09 von 10 möglichen Punkten.