Verpasst, aber nicht vergessen – Oscarspecial

Hallo ihr Lieben,
die Oscarverleihung steht kurz bevor, und bei mir laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Da leider die meisten Oscar nominierten Filme erst im Januar und Februar in Deutschland anlaufen, sind diese Monate bei mir immer sehr voll mit Kinobesuchen. Da das Kino in meiner neuen Heimatstadt mich leider etwas im Stich gelassen hat (hier läuft gefühlt nur Star Wars und Fifty Shades of Grey), waren mitunter auch längere Anfahrtswege zu den Kinos nötig, die die Filme zeigen. Lange Rede kurzer Sinn, ich habe versucht noch die wichtigsten Filme nachzuholen, ehe es heute Nacht zur großen Verleihung kommt.

Hidden Figures – unerkannte Heldinnen

Noch vor dem Civil Rights Act 1964, stellte die NASA, eine von weißen Männern dominierte Branche, auch Frauen und auch schwarze Frauen als Mathematiker ein. Beide wurden nicht so ganz ernst genommen und die schwarzen Frauen dabei auch noch diskriminiert. Doch beim Mercury-Projekt braucht die NASA genau diese Frauen und ihren brillanten Verstand. In Hidden Figures geht es um die wahren Geschichten von Katherine Goble, Dorothy Vaughan und Mary Jackson, die alle drei in eben jener Zeit ihren Weg bei der NASA fanden und damit mitunter auch schon erste Antidiskriminierungsakte hervorriefen. Bei wahren Geschichten muss man natürlich immer unterscheiden, dass in einem Film auch viel Fiktion mit hineinfließt. Aber trotzdem schafft Hidden Figures es einen spannenden Film über das Wettrüsten der NASA mit der russischen Konkurrenz zu erschaffen, dabei das Leben der Afroamerikanischen Bevölkerung zu dieser Zeit widerzuspiegeln und trotzdem immer hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. So entsteht trotz der schweren Thematik ein Film, der ein gutes Gefühl zurücklässt. Statt die Charaktere pausenlos über ihre schlechte Situation jammern zu lassen, wird immer wieder nach Möglichkeiten gesucht, um diese zu verbessern. Natürlich treten auch viele Rückschläge auf, aber unsere unerkannten Heldinnen lassen sich davon nicht unterkriegen. Neben dem Hauptdrehort im NASA Gebäude, wird auch ein wenig aus dem Privatleben der drei Heldinnen erzählt, so dass neben komplizierten Rechenaufgaben, auch etwas für das Herz dabei ist.
Alles in allem ein sehr schöner Film, der Hoffnung spendet und doch an eine grauere Zeit erinnert. Dafür gibt es 09 von 10 möglichen Punkten.

Jackie

Die Geschichte der Jackie Kennedy, die miterleben musste, wie ihr Mann direkt neben ihr erschossen wurde und dann trotz starker Trauer noch immer als die first Lady fungierte. Kernstück des Films ist ein Interview, das Jackie 1963 nur eine Woche nach der Ermordung ihres Mannes gab. Daraus resultieren dann einzelne Rückblenden über das Verhalten direkt nach der Ermordung bis zur Beerdigung. Natalie Portman ist hier für ihre Rolle als Jackie Kennedy für die beste Hauptrolle nominiert. Sie trägt mit ihrer Leistung auch den gesamten Film, da es selten eine Szene gibt, in der die Kamera nicht ihrem Gesicht folgt. Dabei fängt sie gut die Emotionen ein, die jemand in so einer Situation wohl fühlen muss. Die Trauer und die Verzweiflung sind selbst in den ruhigeren Momenten deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen, ohne dass Portman dabei ins overacting verfällt. Obwohl ihr Mann gerade aus nächster Nähe erschossen wurde, darf sie sich nur selten erlauben wirklich zu weinen, denn sie muss Stärke dem Volk gegenüber zeigen. Die Handlung selbst ist sehr ruhig erzählt und mit dem Score zusammen wirkt der Film beinahe erstarrt, was die Gefühlslage der Protagonistin widerspiegeln dürfte. Aufregende und spannende Szenen sucht man hier vergeblich, es geht hier ausschließlich um ein Filmportrait der Jackie Kennedy in der Woche nach dem Attentat.
Alles in allem ein ruhiger Film mit einer starken Performance von Natalie Portman. Dafür gibt es 08 von 10 möglichen Punkten.

Lion

Auch Lion basiert auf einer wahren Geschichte. Der junge Saroo, 5 Jahre alt, lebt in einem kleinen Dorf in Indien. Eines Tages sucht er seinen größeren Bruder Guddu, steigt dabei in einen Zug, der ihn über 1.600km weit nach Kalkutta bringt. Nachdem er sich dort wochenlang als Bettler durchgeschlagen hat, kommt er in ein Waisenhaus und wird von den australiern Sue und John adoptiert. Nach vielen Jahren sucht er noch immer nach seiner Heimatstadt und nach Mutter und Bruder. Lion ist ein packender und gleichzeitig trauriger Film über die Suche nach einem Weg nach Hause. Dabei spielt sich der erste Teil des Films ausschließlich in Indien ab und begleitet den jungen Saroo. Man erlebt seine Angst ganz alleine im Zug, auf der Flucht vor Menschenhändlern und dann im großen Kalkutta versucht zu überleben. Der zweite Teil des Films befasst sich dann mit Saroo nach der Adoption von Sue und John, und spielt damit hauptsächlich in Australien bzw. Tasmanien. Als Erwachsener versucht er immer wieder mit Hilfe von Google Earth Ansatzpunkte herauszufinden, um seine ursprüngliche Heimat wiederzufinden. Seine Freundin versteht sein starkes Verlangen nicht.
Lion ist ein sehr emotionaler Film über die Suche nach Saroos Zuhause. Dabei wird der Film trotzdem sehr ruhig erzählt. Er geht grundsätzlich auf die Probleme der Armut in Indien ein, thematisiert dieses aber nicht übermäßig. Stattdessen wird sich hier zentral rein mit Saroos Schicksal auseinander gesetzt. Dev Patel spielt dabei sehr glaubhaft den erwachsenen Saroo und seine innere Zerrissenheit. Am überzeugendsten spielt  hier jedoch Sunny Pawar als junger Saroo. In seinen Augen sehen wir die Verlassenheit und das Unglück. Dann sehen wir die Freude nach seiner Adoption. Dies in seinem jungen Alter so gut rüberzubringen, zeugt von großem Talent.
Alles in allem ist Lion ein packender und trauriger Film, der aber durchaus sehenswert ist. Dafür bekommt er 08 von 10 möglichen Punkten.

Manchester by the Sea

Lee Chandler arbeitet als Hausmeister in einem Wohnblock. Er begnügt sich mit einer schlechten Unterkunft und einer miesen Bezahlung und ist grundsätzlich sehr in sich gekehrt. Eines Tages bekommt er die Nachricht, dass sein Bruder nach langer Krankheit verstorben ist. Er fährt in seine Heimatstadt und versucht alles zu regeln. Dabei erfährt er, dass er als Vormund für seinen Neffen … eingetragen ist. Von jetzt auf gleich müssen beide miteinander klarkommen und doch Platz für ihre Trauer finden. Manchester by the Sea fängt etwas träge an. Lee Chandler reagiert sehr pragmatisch auf die Nachricht des Todes seines Bruders und zeigt grundsätzlich wenig Emotionen. Erst nach der ausführlichen Vorstellung der beiden Hauptcharaktere, fängt der Film an Rückblenden zu zeigen und schon bald ist dem Zuschauer das ganze Ausmaß der Tragödie bewusst. Ab hier nimmt Manchester by the Sea einen ganz anderen Ton an und nimmt an Fahrt auf. Der Grundton bleibt trotzdem sehr ruhig. Am störendsten am Film ist das sehr abrupte Ende. Es eröffnete sich eine neue Lösung für das zu lösende Problem und schon wird der Abspann gezeigt. So wird der Zuschauer etwas ratlos zurückgelassen und brauch ein paar Minuten, um sich wieder zu sammeln. Die passende Zielgruppe dürfte sein, wenn man auf einen sehr unhektischen Film steht und wenn man Trauerbewältigung ohne viele Tränen sehen möchte und ohne große emotionale Reden.
Alles in allem ist Manchester by the Sea eine sehr erschütternde Geschichte, der einen durch die ruhige Erzählweise nur noch unfassbarer zurücklässt. Dafür gibt es 07 von 10 möglichen Punkten.

Hell or high Water

Das ich nicht viel mit Western anfangen kann, dürfte inzwischen jedem Leser meines Blogs klar sein. Trotzdem habe ich mich an den „modernen“ Western Hell or high Water herangewagt. Toby und Tanner Howard waren ihr ganzes Leben über arm. Während Tanner im Gefängnis seine Strafe absaß, hat sich Toby um die kranke Mutter der beiden gekümmert, die nun verstarb. Zurück ließ sie einen Kredit, der zurückgezahlt werden muss. Und so beschließen die beiden Brüder Banken auszurauben. Verfolgt werden sie von den beiden Rangers Hamilton und Parker.
Hell or high Water kommt auf den ersten Blick wie ein alter Western daher, was vorallem am Schauplatz Texas liegen dürfte. Man könnte sich die Brüder Howard gut auf einem Pferd reitend vorstellen und die Kuhherde zusammenhalten – um einmal alle Klitschees anzusprechen – doch für Pferde reicht ihr Geld bei weitem nicht aus. Stattdessen versuchen sie dem System eins auszuwischen, dass sie ihr ganzes Leben klein gehalten hat. So entsteht eine Kapitalismuskritik der ganz anderen Art. Erst durch die starken Dialoge des Films werden aus Kleinkriminellen Kapitalismusgegner. Und hier liegt die Stärke des Films. Denn die Dialoge heben den ansonsten sehr gewöhnlich wirkenden Film auf ein ganz neues Niveau. Trotzdem fehlt dem Film irgendwo die Spannung und die Nähe zu den Charakteren.
Alles in allem ein interessanter Vertreter des Genres Western. Dafür gibt es 06 von 10 möglichen Punkten.

Fences

Das Fences ursprünglich als Theaterstück inzeniert wurde, merkt man sehr schnell. Denn die Schauplätze selbst in rar gesät, dafür sprudelt der Film nur so voller Dialoge. Auch in der filmischen Variante wurden wieder Denzel Washington und Viola Davis als Hauptdarsteller ausgewählt. Troy und Rose Maxon leben in den 1950er Jahren in den USA. Troy muss als Müllmann hart kämpfen, um das Einkommen der Familie zu sichern. Gleichzeitig kämpft er gegen den Rassismus seiner Zeit, da er Schwarz ist. Hauptschauplatz des Films ist der Garten der Familie, um den Troy einen Zaun – auf englisch fences – bauen möchte. So geht es in diesem Film um Rassismus, Armut und familiäre Probleme. Troy ist durch seine harte Arbeit so gezeichnet, dass er seine Launen gerne an seiner Frau und seinem Sohn auslässt. Auch ist er tief verbittert, weil er einst eine Sportlerkarriere anstrebte. Fences wird auch sehr ruhig erzählt und ist durch die Theaterstückbasis sehr dialoglastig. Das stört aber wenig, denn Washington und Davis treten hier in Bestform auf und beweisen, wieso sie so geschätzte Schauspieler sind. Von ihrem Spiel und denen der übrigen Darsteller hängt auch das Gelingen des Films ab, denn sie bringen die eigentlich sehr ernste Stimmung des Films lockerer rüber, so dass man sich den Film gut ansehen kann. Die Dialoge selbst sind gut geschrieben, wenn sie auch teilweise sehr hart rüberkommen. Das beste Beispiel dürfte die bereits im Trailer gezeigte Rede Washingtons gerichtet an den Sohn der Familie sein, in der er dem Sohn erklärt, dass er ihn als Vater nicht lieben müsse, sondern ihn lediglich ernähren müsse.
Alles in allem eine gute Umsetzung eines Theaterstücks mit starkem Cast. Dafür gibt es 07 von 10 möglichen Punkten.

Elle

Manche Filme mag man eigentlich von der Thematik her gar nicht ansehen. Denn Vergewaltigung ist ein Thema, dass ich grundsätzlich zu vermeiden suche. Trotzdem war ich interessiert, wie Isabelle Huppert die Rolle des Opfers spielt. Ihr Charakter Michele Leblanc ist bereits stark durch ihre Vergangenheit gekennzeichnet. Mühsam hat sie sich ein Konstrukt im Alltag zurecht gelegt, das jedoch zu zerbröckeln scheint, als ein Vermumter Mann in ihr Haus eindringt und sie vergewaltigt. Doch durch die Ereignisse in ihrer Vergangenheit will Michele nicht zur Polizei gehen und versucht selbst mit dem Geschehen klar zu kommen.
Elle ist ein Film, der einzig auf die gute Leistung der Hauptdarstellerin Michelle Huppert baut, denn die Handlung selbst ist sehr durcheinander und wird von zu vielen Charakteren getragen. Michele Leblanc ist ein Charakter, mit dem man zunächst starkes Mitleid empfindet durch die Vergewaltigung. Doch ihr Charakter ist so undurchschaubar und unnahbar, dass dies bald verfliegt. Auch ihre Taten versteht man nicht so richtig. Zunächst wollte ich positiv hervorheben, dass man die Vergewaltigung an sich am Anfang nicht richtig sieht, sondern sich eher mit der Reaktion der Charaktere befasst wird, als das Entsetzen und den Schmerz in Hupperts Gesicht sehen zu müssen, während der Tat. Leider gab es dann doch mehrfach Rückblenden, die die Vergewaltigung in ganzer Fülle zeigen, was den anfänglich positiven Teil des Films wieder zunichte machte. Hier ergötzt sich der Film praktisch an dem Leid seiner Protagonistin. Weniger ist manchmal eben doch mehr. Ansonsten bietet die Handlung auch wenig Material, um den Zuschauer abzuholen, sondern baut eher eine Wand zwischen Publikum und Leinwand auf. Lediglich Hupperts Spiel ist die Oscarnominierung wert, schafft es aber auch nicht diese Wand zu durchbrechen. Dafür gibt es 05 von 10 möglichen Punkten.

Ein Mann namens Ove

Das erste Mal, dass ich sogar mehr als einen Film gesehen habe, der als bester fremdsprachiger Film nominiert ist. Ein Mann names Ove ist dieses Jahr sogar der dritte Film und geht für Schweden ins Rennen.
Eigentlich möchte sich Ove nur umbringen. Er hat seine Arbeit verloren und seine Frau Sonja ist bereits vor einiger Zeit verschieden. Doch seine Siedlung bekommt neue Nachbarn, die es immer wieder schaffen sein Vorhaben unbewusst zu vereiteln. Ove ist sehr wortkarg und sehr auf die selbstaufgestellten Regeln bedacht, die in seiner Siedlung herrschen. In Rückblenden, die sich über den ganzen Film verteilen, sieht man, wie Ove so sehr verbittern konnte. Während ich nach der Sichtung des Trailers auf eine Komödie setzte, wurde mir schon nach kurzer Zeit die Tragik im Film bewusst, die immer wieder mit humorvollen Einfällen aufgelockert wird. Denn ein Mensch verbittert nicht so stark von jetzt auf gleich.
Ein Mann namens Ove ist ein herrlicher, aber kurzweiliger Film, über die Steine, die einem im Laufe des Lebens in den Weg gelegt werden können. Durch interessante Charaktere hebt er sich von der grauen Masse ab und nimmt einen für eine kurze Zeit in den Bann. Nach dem Sehen verfliegt der Film jedoch schnell wieder aus dem Gedächtnis.
Alles in allem eine gute Komödie, mit starkem Drang zur Tragikkomödie, die nach dem Sehen aber nicht dauerhaft im Gedächtnis bleibt. Dafür gibt es 07 von 10 möglichen Punkten.

Die Oscarverleihung 2016

Hallo ihr Lieben,
wie jedes Jahr bleibe ich für die Oscars wach. Bestens vorbereitet mit genügend Süßkram, um ein paar Kilo mehr auf die Hüfte zu kriegen, möchte ich euch gleich über die Gewinner informieren. Dazu schreibe ich euch noch meinen (natürlich vorher festgelegten) offiziellen Tipp und dann meinen persönlichen Favoriten. Dabei lasse ich die Kategorien, in denen ich zu wenig Filme gesehen habe, wie bester Kurz-, Fremdsprachiger-, Dokumentar- und Animationsfilm. Die „wichtigen“ Filme, die ich aufgrund des deutschen Filmstart noch nicht sehen konnte, sind Raum und Trumbo (Bryan Cranson = Bester Hauptdarsteller). The Hateful 8 und Joy habe ich gesehen, aber es nicht mehr geschafft eine Kritik darüber zu schreiben.

Bester Nebendarsteller:

Offizieller Tipp: Tom Hardy
Persönlicher Favorit: Mark Rylance
Gewinner: Mark Rylance

Beste Nebendarstellerin:

Offizieller Tipp: Alicia Vikander
Persönlicher Favorit: Alicia Vikander
Gewinner: Alicia Vikander

Beste Regie:

Offizieller Tipp: Alejandro G. Inarritu
Persönlicher Favorit: Adam McKay
Gewinner: Alejandro G. Inarirtu

Beste Kamera:

Offizieller Tipp: The Revenant
Persönlicher Favorit: Sicario
Gewinner: The Revenant

Bester Schnitt:

Offizieller Tipp: The Big Short
Persönlicher Favorit: The Big Short
Gewinner: Mad Max: Fury Road

Bester Hauptdarsteller:

Offizieller Tipp: Michael Fassbender
Persönlicher Favorit: Eddie Redmayne
Gewinner: Leonardo diCaprio

Beste Hauptdarstellerin:

Offizieller Tipp: Cate Blanchett
Persönlicher Favorit: Saoirse Ronan
Gewinner: Brie Larson

Bester Film:

Offizieller Tipp: Spotlight
Persönlicher Favorit: Brooklyn
Gewinner: Spotlight

Bestes Originaldrehbuch:

Offizieller Tipp: Spotlight
Persönlicher Favorit: Alles steht Kopf
Gewinner: Spotlight

Bestes adaptiertes Drehbuch:

Offizieller Tipp: The Big Short
Persönlicher Favorit: The Big Short
Gewinner: The Big Short

Bestes Szenenbild:

Offizieller Tipp: The Revenant
Persönlicher Favorit: Bridge of Spies
Gewinner: Mad Max: Fury Road

Bestes Kostümdesign:

Offizieller Tipp: The Revenant
Persönlicher Favorit: Mad Max: Fury Road
Gewinner: Mad Max: Fury Road

Beste Filmmusik:

Offizieller Tipp: Sicario
Persönlicher Favorit: The Hateful 8
Gewinner: The Hateful 8

Bestes Make-up und Frisuren:

Offizieller Tipp: The Revenant
Persönlicher Favorit: Mad Max: Fury Road
Gewinner: Mad Max: Fury Road

Bester Ton:

Offizieller Tipp: The Revenant
Persönlicher Favorit: Bridge of Spies
Gewinner: Mad Max: Fury Road

Bester Tonschnitt:

Offizieller Tipp: Sicario
Persönlicher Favorit: Mad Max: Fury Road
Gewinner: Mad Max: Fury Road

Beste visuelle Effekte:

Offizieller Tipp: Der Marsianer
Persönlicher Favorit: Ex_Machina
Gewinner: Ex_Machina

Das macht Offiziell 6 Richtige und Persönlich 8 Richtige 🙂

The Revenant

Hallo ihr Lieben,
da The Revenant mich schon grundsätzlich nicht angesprochen hat, gibt es heute wieder eine Gastkritik von Markus. Also lest ihr nun zunächst meine Meinung und im Anschluss Markus Meinung 🙂

Am 06.01.2016 erschien einer der aufwendigsten Filme der Filmgeschichte in den deutschen Kinos.

Kurz zur Story: Hugh Glass ist zusammen mit seinem Sohn, einem Halbindianer, und einem Trupp Trapper auf Felljagd. Dabei werden sie von Indianern verfolgt, die glauben, dass die Trapper die Tochter des Häuptlings entführt haben. Auf der Flucht wird Glass von einem Bären angegriffen und schwer verletzt. Durch den Wintereinbruch und den landschaftlichen Bedingungen muss Glass zurückgelassen werden. Der griesgrämige John Fitzgerald, der unbedarfte Jim Bridger und Glass Sohn bleiben bei ihm. Ihr Auftrag: Glass bis zu seinem unausweichlichen Tod nicht allein lassen. Aber der Winter und die Indianer sitzen ihnen im Nacken und so beschließt Fitzgerald, dass sein Leben ihm mehr Wert ist. Er begräbt Glass noch lebendig und bringt dessen Sohn um, der versucht ihn zu hindern. Zusammen mit Bridger, der davon nichts mitbekam, macht er sich auf den Heimweg. Aber Glass ist nicht tot und sinnt nun auf Rache, die ihm scheinbar Superkräfte bescheren.

The Revenant behandelt zwei Themen. Rache und Überleben in einer unberührten Natur. Dabei verschmelzen beide Themen immer wieder miteinander, so dass es so scheint, als würde es im Film nur um Rache gehen. Der Zuschauer wird am Anfang gleich ins Geschehen geworfen. Glass und sein Sohn haben gerade Jagd auf einen Elch gemacht. Dann werden die Trapper vorgestellt und man erfährt, dass sie von Indianern verfolgt werden. Und schon geht es los: Die Indianer überfallen das Lager und töten mindestens die Hälfte der Trapper. Den Überlebenden bleibt nichts anderes über, als sich auf ein Boot zu flüchten und flussabwärts die Ware zu verstecken und möglichst schnell zur Basis zurückzukehren. Bei einem Spährundgang wird Glass aber von einem Bären angegriffen und lebensbedrohlich verletzt. Der Leiter der Trapper Andrew Henry hat eine so hohe Meinung von Glass, dass er es mit seinem Gewissen nicht ausmachen kann, ihn einfach zum sterben zurückzulassen. Doch die landschaftlichen Bedingungen lassen nicht zu, dass Glass lange auf einer Trage transportiert werden kann. Henry will ihn aber auch nicht ganz alleine zum sterben zurücklassen. Also sucht er freiwillige. Glass Sohn und Bridger melden sich sofort. Fitzgerald erst, als eine großzügige Belohnung angeboten wird. Doch die Indianern, angetrieben von Rache, denn sie glauben, dass die Trapper die Tochter des Häuptlings entführt haben, sitzen ihnen weiterhin im Nacken. Als Glass nach Tagen immer noch nicht sterben will, entschließt Fitzgerald die Initiative zu ergreifen. Er will Glass helfen zu sterben und ihn ersticken. Da greift dessen Sohn ein. In dem Handgemenge wird dieser getötet. Handlungsunfähig kann Glass nichts tun, außer Fitzgerald zusehen, wie der die Leiche seines Sohnes versteckt und schließlich ihn in ein Grab wirft und lebendig begräbt. Bridger bekam davon nichts mit und glaubt Fitzgerald, dass Glass starb. Die beiden machen sich nun ebenfalls auf dem Weg zur Basis. Aber Glass ist nicht tot. Unter Qualen erhebt er sich aus seinem Grab und krabbelt zur Leiche seines Sohnes. Doch die Indianer sind nicht weit. Von Rache getrieben, macht sich nun auch Glass auf dem Weg zur Basis. Aber er hat drei Gegner: die Indianer, die weiterhin auf Verfolgungsjagd sind, seine Verletzungen und den Winter in einem unbesiedelten Gebiet, wo die Natur eher dein Feind, als dein Freund ist.
The Revenant nimmt mehrere Schicksale und Wege genau unter die Lupe. Die Indianer, die Traper in drei Gruppen und in Rückblenden auch Glass Vorgeschichte. Dadurch übernimmt sich der Film, auch mit den beiden Themen. Um alles genau zu erzählen, braucht der Film eine Spiellänge von fast drei Stunden. Auch für den geübten Kinogänger ist das einfach zu lang. Denn durch die Länge der Handlung ergeben sich auch immer mehr Logiklöcher in der Handlung. Das ist besonders schlecht, weil der Film sehr auf Logik aufbaut und gerade die Landschaftsaufnahmen alles Originalaufnahmen sind. Hier hätten Kürzungen dem Film gut getan. Die Handlung lässt Kritikpunkte offen – die Kamera, der Schnitt und die Filmgestaltung nicht. Durch die natürlichen Gestaltungen, reale Landschaftsaufnahmen und sehr gute Kostüme wird eine einzigartige Atmosphäre geschaffen, die ihr volles Potenzial auf der Kinoleinwand entfaltet.
Leonardo diCaprio übernimmt die Rolle des Hugh Glass und wird schon jetzt als absoluter Oscarfavorit gehandelt. Und natürlich kann man ihm ein gutes Spiel nicht aberkennen, doch mitunter wirkt es auch sehr steif und die Mimik scheint immer wieder dasselbe zu zeigen. Gerade als er seine Geschichte erzählt und von dem Mord an seinem Sohn berichtet, zeigt er absolut keine Emotion. Gutes Schauspiel, aber für den Oscar gibt es doch bessere Kandidaten. Glass ist ein Charakter, der eine sehr bewegende Vergangenheit hat, wie durch einige Rückblenden gezeigt wird. Leider wird seine Geschichte trotz minutenlanger Rückblenden nie deutlich, weswegen sie eher verwirren und daher zur Kürze weggelassen werden sollten. Glass Überlebenskampf wird in allen Facetten gezeigt. Das ist grundsätzlich gut, nur zieht er sich zu lange hin. Mit seinen vielen Verletzungen ist es schon unlogisch, dass er überhaupt den Weg überlebt. Dass aber immer noch mehr hinzukommen auf seinem Weg und er trotzdem weitergehen kann, strapaziert die Geduld des Zuschauers.
Tom Hardy übernimmt die Rolle des Fitzgeralds. Dieser ist der Folter von Indianern entkommen, die ihn, am Kopf beginnend, die Haut abziehen wollten. Eine große Narbe am Kopf erinnert noch an diese Tat. Darüber hinaus ist er der komplette Antagonist. Er lässt Glass halb tot zurück und tötet auch noch dessen Sohn. Er wird vollkommen rücksichtslos dargestellt und scheint kein Gewissen zu haben. Vielleicht muss er so ohne Ecken und Kanten als Böse dargestellt werden, damit die Rachethematik funktioniert und man noch mehr mit Glass sympathisiert. Hardy ist als bester Nebendarsteller für einen Oscar nominiert. Hier sogar äußerst verständlich, zudem die Chancen gut sein dürften.
Will Poulter übernimmt die Rolle des Jim Bridger. Dabei spielt er das, was er am besten kann. Einen verängstigten Jungen, der zu Glass aufsieht, aber sich von Fitzgerald manipulieren lässt. Die Rolle spielt er gut, aber eine neue Leistung ist es nicht.

Alles in allem ist The Revenant ein Film, der technisch und landschaftlich begeistert, aber handlungstechnisch und durch die Länge Schwächen aufweist. Daher gibt es 07 von 10 möglichen Punkten.

Und nun die Kritik von Markus:

Am 06. Januar 2016 erschien das für zwölf Oscars nominierte Survival-Western-Drama „The Revenant“ in den deutschen Kinos. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Michael Punke basiert auf der angeblich wahren Geschichte des Trappers (Pelztierjägers) Hugh Glass (Leonardo DiCaprio). Im Jahr 1823 erforscht er gemeinsam mit einer vom Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson) angeführten Gruppe die amerikanische Wildnis. Bei einem alleinigen Gang durch die Wälder wird er von einem Grizzly angegriffen und dabei lebensgefährlich verletzt. Während ein Großteil der Trapper den Weg fortsetzt, sollen die beiden Männer John Fitzgerald (Tom Hardy) und Jim Bridger (Will Poulter) sich um Glass kümmern. Als sie keine Chance mehr auf Rettung für ihn sehen und anscheinen Indianer in der Nähe des Lagers auftauchen, entschließen sie sich, den Schwerverletzten ohne Ausrüstung in der Wildnis zurückzulassen…

Der Regisseurs Alejandro González Iñárritu, der bereits 2015 für seinen Film Birdman vier Oscars bekommen hat, soll unter Extrembedingungen gedreht haben. Zum Beispiel wurde nur mit natürlichem Licht in den ländlichen Gebieten Kanadas und Argentiniens in extremer Kälte gedreht. Darüber hinaus seien auch die Schauspieler bis an die Grenze gegangen. So habe der Vegetarier Leonardo DiCaprio laut eigenen Angabe eine rohe Bison-Leber gegessen. Nun kann darüber gestritten werden, ob selbstauferlegte schwierige Drehbedingungen und körperliche Strapazen der Schauspieler gleich einen hervorragenden Film auszeichnen. Warum der Film abgesehen davon trotzdem hervorragend für mich funktioniert, werde ich im Folgenden erläutern.

Zum einen liefert der Kameramann Emanuel Lubezki, der auch bereits in den letzten beiden Jahren für die Filme Gravity und Birdman mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, großartige Bilder, die man unbedingt im Kino genießen sollte. Aufgrund der vielen nahen Kameraeinstellungen, die den Protagonisten folgen, wird dem Zuschauer permanent das Gefühl vermittelt, mitten im Geschehen zu sein und nicht nur stiller Beobachter. Zudem ist der Film, wie z.B. bei der jetzt schon berühmt berüchtigten Grizzly-Angriffsszene technisch grandios umgesetzt. Auch die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen des verschneiten Kanadas bringen die Kälte des Films, die sich auch in der Handlung wiederfindet, direkt an den Zuschauer weiter. Ich persönlich konnte die Kälte regelrecht spüren und war nach kurzer Zeit so tief in dem Film versunken, dass ich irgendwann vergaß, dass ich im warmen Kino saß.

Auch die Schauspielleistungen waren durchgehend sehr gut. DiCaprio nimmt man seinen Überlebenskampf komplett ab und obwohl er vor allem in der Mitte des Films kaum mehr als Stöhn-Geräusche von sich gibt, schaffte er es allein durch Mimik und Gestik dem Zuschauer seine Verzweiflung sehr glaubhaft rüberzubringen. Auch Tom Hardy hat seine Rolle als Antagonist perfekt gespielt, obwohl ich mir vielleicht nicht nur das absolute Böse in Person, sondern auch ein paar Zwischentöne in der Gestaltung der Figur gewünscht hätte. Domhnall Gleeson und Will Poulter haben ihre Rollen ebenfalls mehr als glaubhaft verkörpert und ich bin gespannt, was in nächster Zeit noch alles von den Schauspielern kommen wird.

Die Geschichte an sich, die man irgendwo zwischen Western und Survival-Drama mit integrierter Rachethematik einordnen kann, ist letztendlich sicherlich sehr dünn und auch vorhersehbar. Diese wurde allerdings mithilfe von Kamera, Schauspieler und der Bilder grandios umgesetzt und das Beste herausgeholt.

Letztendlich hat „The Revenant“ bei mir aufgrund der überwältigenden Bilder und der durchgehend sehr guten Schauspielleistungen einen bleibenden Eindruck hinterlassen und mich regelrecht in den Kinosessel gedrückt. Allerdings würde ich empfehlen den Film unbedingt im Kino anzusehen, da die großartigen Bilder am besten auf der großen Leinwand zur Geltung kommen. Darüber hinaus kann ich aber auch Leute verstehen, die mit der stellenweise sehr langsamen Erzählweise wenig anfangen können. Tatsächlich hatte ich auch in der Mitte des Filmes kurz das Gefühl, dass der Überlebenskampf von Hugh Glass um 5 Minuten hätte gekürzt werden können. Andererseits benötigt der Film aber auch diese Länge, um als Zuschauer komplett in das Geschehen eintauchen zu können. Wer sich also darauf einlassen kann, der wird mit einem einmaligen Filmerlebnis belohnt, das man so schnell nicht wieder vergessen wird. Für mich persönlich ist der Film aufgrund des einmaligen Erlebnisses 9 von 10 Punkten wert.