Promising Young Woman

Ein Vorwort

Er wird schon jetzt als der wichtigste Film des Jahres gehandelt. Locker und farbenfroh, doch mit einem sehr schwierigen Thema trat Promising Young Woman bei den diesjährigen Oscars an und kam mit einem Goldjungen nach fünf Nominierungen nach Hause. Wie er mit dem Thema umgeht und ob er aus gutem Grund als so wichtig angesehen wird, erfahrt ihr in meinem heutigen Beitrag.

Die Handlung

Cassie Thomas (Carey Mulligan) hat ihr Medizinstudium nach dem Selbstmord ihrer besten Freundin abgebrochen. Jetzt arbeitet sie in einem Café und verbringt ihre Abende in Clubs, wo sie so tut, als wäre sie sturzbetrunken und dann mit Männern mitgeht, die sie als leichte Beute ansehen. Nach und nach sucht sie Leute aus der Vergangenheit auf, um die Geschehnisse auf unkonventionelle Art aufzuarbeiten.

Meine Meinung

Promising Young Woman nimmt sich einem Thema an, das aktueller denn je ist und doch bei vielen nur noch ein müdes Augenrollen hervorruft: Sexismus, Sexuelle Belästigung, bis hin zur Vergewaltigung. Dabei werden aber keine ausufernden Diskussionen genutzt, sondern die Thematik wird in Form eines Rache-Thrillers erzählt. Aber fangen wir am Anfang an.
Wir lernen Protagonistin Cassie an einem der Abende kennen, in denen sie sich im Club gespielt betrunken abschleppen lässt. Dabei schaut sie, wie weit die Herren gehen und ob sie ihren Zustand ausnutzen. Bevor diese zu übergriffig werden, zeigt sie ihren nüchternen Zustand. Die Reaktionen sind dabei ähnlich. Unverständnis, Rechtfertigungen, bis zu wüsten Anschuldigungen. Auch ohne moralischen Fingerzeig wird hier deutlich wie falsch eine solche Situation ist und wo in der Einstellung der Männer der Fehler liegt. Durch ein zufälliges Treffen mit einem ehemaligen Kommilitonen, kommen Erinnerungen zurück und sie beginnt mit ihren Rachefeldzug. Dabei wird deutlich, dass Ryan (Bo Burnham) als Gegenpart angelegt ist und rücksichtsvolles und verständnisvolles Verhalten bei ihm dominiert. So entspinnt sich neben dem Rachethriller auch eine Liebesgeschichte. Hier zeigt sich auch die subtile Stärke des Drehbuchs, da Cassie traumatisiert durch den Verlust ihrer besten Freundin Probleme hat zu vertrauen. So werden gleichzeitig die Auswirkungen für die Hinterbliebenden gezeigt, ohne ständig darauf hinzuweisen, ganz gemäß dem Leitsatz „Show, don’t tell“.
Die Racheabschnitte selbst werden auf verschiedenste Weise aufgezogen und sind durchweg bitterböse. Auch hier zeigt sich, wie die verschiedenen Gruppen auf die Anschuldigungen reagiert haben und wie sie Jahre später darüber denken. Und wie sie handeln, wenn sie erneut damit konfrontiert werden. Zwar ist Cassies Verhalten hier höchst fragwürdig, als filmisches Mittel zur Verdeutlichung passt es aber umso besser.
Schauspielerisch ist es vor allem Carey Mulligan als Cassie, die hier hervorsticht. Dieser Zwiespalt zwischen der offenen „Mir ist alles egal“-Haltung und dem darunter verborgenen Trauma, spielt sie gekonnt aus. Dabei sind es nicht die großen Gesten, sondern die kleinen Änderungen in der Mimik die den Unterschied machen.
Unterm Fazit werde ich noch ein paar weitere Worte über den Film verlieren. Da ich dafür aber hochgradig spoilern muss, setzte ich diese nach unten.

Das Fazit

Promising Young Woman nimmt sich einer schwierigen Thematik an und zeigt Missstände in der Gesellschaft auf ohne mit der Moralkeule zu kommen. Doch selbst der lockere Grundton kann über die Relevanz des Erzählten nicht hinwegtäuschen. Dafür gibt es 09 von 10 möglichen Punkten.

Promising Young Woman läuft seit dem 19.08.2021 in den deutschen Kinos

Meine Meinung – Fortsetzung – Achtung Spoiler!

Der größte Kritikpunkt für mich am Film ist die Wendung, die Ryan am Ende nimmt. Vom tollen Vorzeigemann, der sie unterstützt und ihr Halt im Leben gibt durch seine verständnisvolle Art zu eben jenem Schema, das sie bekämpft. Seine Involvierung in die Ereignisse von damals und sein Schweigen dazu, hat mich stark getroffen. Hier hätte ich mir wirklich gewünscht, dass er der Good Guy geblieben wäre. So bleibt die Botschaft, dass wirklich alle Männer schlecht sind und man niemandem vertrauen kann.
Hingegen umso gelungener finde ich das Ende. Denn durch ihren Tod bei der letzten Racheaktion wird noch einmal verdeutlicht, welch gefährliches Spiel sie spielte. Denn schon allein, dass sie in den Bars mit all den Männern mitging, hätte schlimm ausgehen können. Hier nur einmal an den Mann geraten, der sich auch an ihrer Nüchternheit nicht stört und sie dann eben mit Gewalt vergewaltigt. Dass es für sie dann kein Happy-end gibt, war für mich die logische Schlussfolgerung. Dennoch finde ich es auch gut, dass es nicht beim ursprünglich geplanten Ende der Regisseurin (ihr Tod) blieb, sondern noch eine letzte Szene (Hochzeit) beigefügt wurde, wodurch die Hoffnung, dass es wenigsten ein bisschen Gerichtigkeit gibt, aufrecht bleibt.