Die Odyssee

Ein Vorwort

Antike Heldensagen und Göttergeschichten sind gerade wieder voll im Trend. Zumindest lassen das die unzähligen Retelling, die aktuell den Büchermarkt überschwemmen vermuten. Und auch im Jugendbuchbereich lässt der noch immer bestehende Percy Jackson Hype, angespornt durch die aktuelle Serienadaption, den gleichen Schluss zu. Nicht auf meiner Bingokarte hatte ich, dass Regisseur Christopher Nolan da mit aufspringt. Eben jener Regisseur, der uns nicht nur The Dark Knight, sondern auch Inception oder zuletzt Oppenheimer brachte. Warum sein Ansatz sehr gut funktioniert, erfahrt ihr in meinem heutigen Beitrag.

Fanart des Filmtitels auf einer Filmklappe. Dahinter liegt ein Buch über Mythologie, aufgeschlagen auf der Seite über Odysseus lange Heimkehr

Die Handlung

Acht Jahre nach dem Ende des trojanischen Krieges ist Odysseus noch immer nicht nach Hause zurückgekehrt. Seine Frau und Sohn haben alle Mühe die Freier unter Kontrolle zu halten, die den Thron mit einer Heirat besteigen wollen. Währenddessen ist Odysseus bei Kalypso und kann sich nicht erinnern. Doch nach und nach kommen die Erinnerungen an seine Irrfahrt zurück.

Meine Meinung

Ein zentrales Thema bei der Filmographie von Christopher Nolan ist die Zeit. Das begann schon bei seinen Anfängen mit Memento, der rückwärts erzählt wurde, und gipfelte vermutlich in Tenet. Und auch seine bisherigen historischen Werke Dunkirk und zuletzt Oppenheimer sind irgendwo voll mit der Thematik, wobei es bei Dunkirk auch auf gestalterischer Ebene großen Einfluss hatte. Als nun die Ankündigung kam, dass Nolan für seinen nächsten Film noch weiter zurückgehen würde und uns bis ans Ende des trojanischen Krieges bringt, war ich gleichzeitig gespannt und doch sicher: diesmal hat er sich übernommen. Die komplette Odyssee zu erzählen, dafür reicht kein Film.
Aber wie sich herausstellte, war das auch gar nicht Nolans Bestrebung. Und so erzählt er in den 172 Minuten nicht die gesamte Irrfahrt von Odysseus, aber bringt die wichtigsten Stationen mit rein und schafft es noch auch Elemente seiner wartenden Familie und Rückblicke auf den Krieg einzubauen. Und bevor hier ein Historiker meckert: Nein, der Film ist weder historisch korrekt, noch erzählt er die Odyssee fehlerfrei nach. Aber, und das ist ein nicht ganz unwesentlicher Aspekt, er erzählt die Geschichte in einer Weise, die so faszinierend und mitreißend ist, das dies absolut irrelevant wird. Und bewusste Änderungen, die nicht auf schlechter Recherche, sondern dem Bewusstsein für das Element Film entstehen, verzeihe ich auch viel eher.
Aber fangen wir am Anfang an. Wir landen direkt am Hofe von Ithaka, wo wir einen der zentralen Handlungsorte haben. Der Hof von Odysseus, der seit vielen Jahren unbesetzt ist. Seine Frau Penelope hat viele Jahre regiert, doch die Freier besetzen jede Nacht mit ausschweifenden Partys die Hallen und während sie und ihr Sohn das Gesetz des Zeus ehren, suchen die Freier bewusst nach Streit. Zu dieser Situation schalten wir auch immer wieder zurück und erleben die zunehmende Verzweiflung von Mutter und Sohn und dem immer dreisterem Auftreten der Freier. Und immer wieder steht die Frage im Raum: Wo ist Odysseus. Den treffen wir mit Kalypso auf einer Insel und mit dem Verzehr der Lotusblüte dürfte den Mythologiekundigen einiges klar sein. Ab hier rekonstruiert der Film nach und nach die Irrfahrten und wie es dazu überhaupt kommen konnte. Immer wieder unterbrochen von anderen Episoden und einem Rückblick auf die finale Schlacht selbst.
Schon ab der ersten Sekunde zieht Nolan seine Zuschauenden in einen Bann und lässt sie erst mit dem Abspann wieder los. In meiner Kinovorstellung war am Anfang relativ viel Gewusel, was mich sonst stark gestört hätte, aber hier haben die ersten Töne des Soundtracks gereicht, um alles um mich herum zu vergessen und zu ignorieren. Gefühlt jeder kennt die Geschichte des trojanischen Pferds und wie der Krieg dadurch gewonnen werden konnte. Aber Nolan geht eben einen Schritt weiter und lässt die Geschichte aus dem Inneren erzählen und nie waren Männer in einem hölzernen Pferd so spannend. Hier ist einfach ein Meister der Erzählkunst am Werk gewesen.
Die einzelnen Stationen der Odyssee waren wir mal mehr mal weniger bekannt und auch, wenn ich einige Wendungen dadurch vorher wusste, so hab ich doch mitgefiebert, gebangt und gehofft. Und auch, wenn einige Szenen spannender waren als die anderen, so war es doch die Mischung, die den Reiz ausgemacht hat. Dieser stete Wahnsinn, der in jeder Pore steckte.
Dass Nolan schauspielerisch immer alles auffährt, was geht, ist auch kein Geheimnis. Und so tummeln sich hier einige hochkarätige Namen, die alle ihre Rollen gut spielen. Und optisch ist der Film eine Wucht. Selbst in der „abgeschnittenen“ Version – also kein IMAX Format – wirkt der Film in der Bedrücktheit der Bilder noch bis nach dem Kinobesuch nach. Hier wurde wirklich noch fürs Kino und nichts fürs Streaming produziert. Dass der komplette Film weltweit dennoch nur in wenigen Sälen voll gezeigt werden konnte, finde ich dennoch kritisch. Ebenso der umstrittene Drehort der Westsahara. Hierzu hätte es bestimmt ebenso gute Alternativen gegeben, auch wenn ich Nolans Hang zu praktischen Effekten sehr schätze.

Das Fazit

Die Odyssee ist ein ein Kinoerlebnis der ganz besonderen Art. Von Bildern über den Soundtrack bis zur Geschichte. Hier stimmt einfach alles. Nolans ganz eigene Handschrift verleiht dem antiken Stoff eine neue Prise Wahnsinn. Dafür gibt es 10 von 10 möglichen Punkten.

Die Odyssee läuft seit dem 16.07.2026 in den deutschen Kinos