Das Kleid

Ein Vorwort

Um Vorurteile abzubauen hilft in der Regel nur eins: Sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Wie könnte das besser klappen, als durch einen gut erzählten Film, der einen mitnimmt durch die Geschichte und zwischendurch die bestehenden Vorurteile aufgreift und widerlegt? Genauso einen Film wünschte ich mir zum Thema trans. Bekommen habe ich einen Film, der bereits mit der Nennung des Deadnames im Titel (bei mir ist der Filmtitel daher angepasst) beweist, dass er nichts verstanden hat. Dennoch war ich neugierig, was der Film darüber hinaus kann. Warum es sehr schwierig wurde, erfahrt ihr in meinem heutigen Beitrag.

Die Handlung

Ben (Florian David Fitz) ist seit 1,5 Jahren von seiner Frau getrennt, sieht die beiden gemeinsamen Kinder nur zu Besuchstagen und ist in seinem Job als Polizist unglücklich. Um das zu kompensieren trinkt er zu viel Alkohol. Als seine Ex-Frau mit Vorwehen ins Krankenhaus kommt, will er seine Kinder nicht bei deren neuen Lebensgefährten lassen und holt sie kurzerhand ab. Dabei stellt er fest, dass sich eins der Kinder als trans identifiziert und fortan unter dem Namen Lily lebt. Damit will sich der überforderte Vater jedoch nicht anfreunden und versucht alles, um sie von dieser „Modeerscheinung“ wieder abzubringen.

Meine Meinung

Das Kleid könnte man wohl als Drama mit komödiantischem Anteil einordnen, so wie es deutsche Filme gerne mal sind, wenn sie sich einem schwierigeren Thema annehmen. Grundsätzlich ist das auch ein schöner Ansatz, dem Drama ein bisschen von der Schwere zu nehmen und ab und an etwas aufzulockern, damit es eine breitere Masse anzieht und das Thema so vermittelt werden kann. Dennoch scheitert es bei Das Kleid bereits am grundsätzlichem.
Statt die Geschichte aus der Sicht des betroffenen Kindes erzählt zu bekommen, geht es vordergründig um Fitz als Vater. Hier werden gleich mehrere Baustellen aufgemacht, wie das Alkoholproblem, dass er nicht mit der Trennung von Ex-Frau und damit auch von den Kindern zurechtkommt. Er fühlt sich permanent ausgeschlossen und als würde seine Meinung nicht zählen. Umso penetranter beharrt er auch auf seiner Sicht der Dinge. Das alles wäre schon genug für einen Film und so fällt es der Handlung sichtlich schwer beim Augenmerk auf das trans Mädchen zu bleiben.
Grundsätzlich ist die Reaktion des Vaters wohl leider realistisch. Schilderungen von trans Menschen gehen leider sehr oft mit der Ablehnung im Elternhaus los. Dass Lily hier die uneingeschränkte Unterstützung der Mutter und dessen neuen Lebensgefährten hat, ist schon einmal Gold wert. Auch dass der Vater sich nur wenig mit dem Thema auseinander setzt und nur die wenigen psychologischen Schilderungen glaubt, die seine Meinung unterstützen, ist wohl leider auch nur realistisch. Dass hier jedoch nie das Gespräch mit dem eigenen Kind gesucht wird, sondern nur über sie hinwegentschieden wird, ist dann wohl die erste Schwäche des Films. Denn in einzelnen Szenen, wie bei einem Synagogenbesuch, wo der Fokus auf Lily liegt, zeigt sich, dass ihre Gedankenwelt wohl wesentlich spannender und aufschlussreicher wäre.
Das nächste Problem ist, dass wir durch das Spiel von Florian David Fitz Mitleid und Verständnis für einen regelmäßig alkoholisierten Vater mit Aggressionsproblem und eindeutig geäußerter Queerfeindlichkeit haben sollen. Dass es für ihn ja schwer sei. Dass es für ihn kompliziert sei sich mit dem Thema auseinander zu setzen, obwohl er von allen Seiten Angebote und Unterstützung bekommt.
So macht Das Kleid gefühlt einen Schritt vorwärts und zwei Schritte zurück. Immer, wenn man glaubte, dass der Groschen gefallen ist und endlich Verständnis für Lilys Situation da ist, dreht sich alles wieder und die permanente Nennung des Deadnames noch bis zum Ende, zeigt eigentlich das Protagonist gar nichts verstanden hat.
Dennoch ist nicht alles schlecht am Film. Denn stellenweise schafft er es durchaus nicht nur die Vorurteile aufzugreifen, sondern auch zu entkräften. Gerade durch den Kontrast von Lily zu ihrer Schwester Erna wird durchaus mit Geschlechterklischees aufgeräumt und gezeigt, dass sich Kindern in alle Richtungen entwickeln können, unabhängig vom Geschlecht. Die Themen Mobbing und notwendige Schulwechsel werden angesprochen und die Schule kommt dabei auch durchaus zu Wort, wenn in der Konsequenz gegen Ende auch nicht immer positiv. Das Jugendamt wird thematisiert und kann durchaus richtige Impulse geben. Und auch der Besuch von Ben bei einer älteren trans Frau ist positiv, wenn vielleicht auch zu kurz, um alle angesprochenen Themen richtig zu entfalten (das hätte den Film aber dann auch gesprengt).

Das Fazit

Das  Kleid hat durchaus gute Ansätze, die vielleicht mit einem größeren Fokus auf Lily auch funktionieren könnten, statt mit dem Vater immer mehr Probleme zu eröffnen. Gerade gegen Ende hätte die Entwicklung noch einmal eine andere Richtung einnehmen sollen und vielleicht hätte man soweit denken sollen nicht den Deadname im Titel zu verwenden. Dafür gibt es 05 von 10 möglichen Punkten.

Das Kleid läuft seit dem 22.12.2022 in den deutschen Kinos

100 Dinge

Ein Vorwort

Wenn der Name Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer in einem Film auftaucht, ist das für mich eigentlich ein guter Grund nicht ins Kino zu gehen. Bei Florian David Fitz bin ich hingegen schon geneigt, zumindest genauer hinzusehen, da er mir beispielsweise auch zuletzt in Der Vorname gut gefiel. Nun stand der neue Film von Fitz mit ihm und Schweighöfer in den Hauptrollen an. Der Trailer sah bereits wieder nach einer typischen deutschen Komödie aus, weswegen ich mich wieder vor dem Kinobesucht drücken wollte. Leider wollte meine Kollegin davon nichts wissen und bestach mich mit einem Schichtentausch. Ob der Film nun wirklich der angekündigte Reinfall wurde, erfahrt ihr in meiner Kritik.

Die Handlung

Die Freunde Paul (Florian David Fitz) und Toni (Matthias Schweighöfer) haben zusammen eine App entwickelt. Während Paul diese nutzen wollte, um die Nutzer glücklich zu machen, schafft es Toni Pauls Abläufe zu analysieren und ihn zum Konsum anzuregen. Bei der Feier über den Verkauf der App an ein großes Unternehmen, betrinken sich beide und wetten, dass der jeweils andere es nicht ohne Konsum aushält. So kommen sie auf die Idee, dass ihre Mitarbeiter ihnen die gesamte Wohnung ausräumen und alles einlagern. Jeden Tag, über 100 Tage hinweg, dürfen Sie sich einen Gegenstand zurückholen.

Meine Meinung

100 Dinge ist einer der deutschen Filme, die man von Anfang an abstempelt, die aber unter der Fassade doch einiges zu bieten haben. Florian David Fitz führt hier Regie und schrieb auch das Drehbuch. Hier merkt man, dass er sich mit der Grundthematik durchaus befasst hat und weiß, wovon er spricht.
Natürlich steht die Komödie hier im Vordergrund. Und ein paar Witze unter der Gürtellinie sind auch vorhanden, so wie die obligatorischen Nacktszenen, die wohl vor allem die Zielgruppe (Frauen mittleren Alters) ansprechen sollen. Darüber hinaus gibt es aber auch viele niveauvolle Witze und am wichtigsten: Die Witze sind auch lustig, so dass auch jemand, der den ansonsten typischen Humor für Schweiger/Schweighöfer-Komödien nicht lustig findet, sich durchaus zwischendurch den Bauch vor Lachen halten muss.
Abgesehen von der typischen Komödie hat 100 Dinge aber auch eine Handlung und Tiefgang. Die Hauptthematik ist der Konsum. Diese wird von mehreren Stellen beleuchtet und hinterfragt. Zum einen steht natürlich die Wette im Vordergrund. 100 Tage ohne Konsum und jeden Tag müssen sich die Protagonisten neu entscheiden, was man unbedingt im Leben braucht. Zunächst sind es die offensichtlichen Sachen. Kleidung, eine Matratze zum Schlafen, sehr schnell kommt dann auch das Smartphone dazu. Doch die ganze Überlegung geht weiter. Wieso kaufen wir so viel? Und macht uns Konsum wirklich glücklich? Als Beispiel kommt dann die von Katharina Thalbach gespielte Oma hinzu, die während des Krieges nur einen einzigen Koffer packen durfte und dort alles Wichtige unterbringen musste. Für die anderen Generationen hat Konsum noch eine ganz andere Bedeutung als für uns. Der ganze Gedanke wird dann noch weitergesponnen bis zum Kaufrausch und möglichen psychologischen Erkrankungen, die aus dem Konsum heraus entstehen.
Wir fassen zusammen. 100 Dinge hat eine gut durchdachte Handlung, Tiefgang, nachdenkliche Dialoge, aber schafft trotzdem das Komödienfeeling. Hinzu kommt, dass Fitz und Schweighöfer sich durch ihre unterschiedlichen Darstellungen und Charaktere gut ergänzen. Also ein kompletter Erfolg? Leider nicht ganz, denn 100 Dinge kann das Niveau leider nicht über die gesamte Spieldauer von 111 Minuten halten. Gerade gegen Ende verliert er sich in seinen eigenen Erzählsträngen und versucht mit aller Gewalt noch schnell eine Liebesgeschichte einzubauen, die zunächst subtil begann, am Ende aber doch wieder ins Vorhersehbare abdriftet. So kommt man am Ende weniger überwältigt aus dem Kino, als man am Anfang glauben konnte.

Das Fazit

100 Dinge macht für eine deutsche Komödie sehr viel richtig, da er sich auf die Handlung konzentriert und eine Charakterentwicklung zulässt. Dabei ist er beinahe durchgängig witzig, verliert sich leider am Ende in den zu viel aufgebauten Handlungssträngen. Dafür gibt es 07 von 10 möglichen Punkten.

100 Dinge läuft seit dem 06.12.2018 in den deutschen Kinos.