Meine Monsterwochen #4: Coppola & Branagh

Herzlich Willkommen zum vierten Teil meiner Monsterwochen. Heute soll es um die Verfilmungen von Francis Ford Coppola und Kenneth Branagh gehen

Monsterwochen? Was?

Kurz gesagt, geht es hier in sechs Beiträgen um Dracula und Frankenstein in verschiedenen Interpretationen.

Okay… Und Warum?

Hey, es ist Oktober, der Horrormonat, und Dracula und Frankensteins Monster sind wohl prominente Vertreter des Genres! 

Bram Stoker’s Dracula

Ein Vorwort

1992 brachte Francis Ford Coppola seine Interpretation des Stoffes von Bram Stoker in die Kinos. Ursprünglich wollte er den Film lediglich D nennen, um sich von anderen Verfilmungen abzusetzen. Da er aber eine größtenteils buchgetreue Fassung ablieferte, wurde letztlich sogar der Autorenname im Titel genannt. In dieser Reihe taucht er auf, da er ebenfalls zu den bekanntesten Verfilmungen gehört.

Die Handlung

Nach dem Selbstmord seiner Frau wird der transsilvanische Fürst Dracul (Gary Oldman) zu einem Vampir. Viele Jahre später reist der junge Anwalt Jonathan Harker (Keanu Reeves) auf das Anwesen des Grafen, um dort Verträge abzuschließen. Dabei sieht der Graf ein Bild von Harkers Verlobten Mina Murray (Winona Ryder), in der er seine verstorbene Frau entdeckt. Er überlässt Harker drei Vampirfrauen und reist nach London, wo er Mina umgarnt. Gleichzeitig stillt er seine Gier an Minas Freundin Lucy (Sadie Frost). Zur Hilfe eilt Professor Van Helsing (Anthony Hopkins).

Meine Meinung

Während Coppola mit Filmen wie Der Pate und Apocalypse Now sich einen gewissen Ruf erarbeitet hat, waren die Erwartungen an Dracula dementsprechend hoch. Doch mit dieser wilden Mischung aus Horror, Splatter und Liebesgeschichte wird er seinem Ruf wohl nicht gerecht. Fangen wir mit den positiven Aspekten an. Es wurden alle wichtigen Charaktere aus dem Buch übernommen und sie behalten größtenteils ihre Eigenschaften. Auch generelle Abläufe sind übernommen worden. Vor allem sticht wohl die Optik heraus, auch wenn einige Darstellungen stark übertrieben scheinen. Und spannend ist der Film auch, selbst wenn man das Buch und damit den Ausgang des Ganzen kennt. 
Kommen wir auch schon zu den Kritikpunkten. Hier dürften wohl an vorderster Stelle Coppolas übereifrige Darstellungen stehen. Ein bisschen viel Blut wird verspritzt, keine Szene ist einfach nur eine Szene, sondern alle sind dafür da, um Anstoß zu bieten. Während Stokers sexuelle Komponente der Geschichte stets untergründig blieb und nur leicht zu spüren war, wird sie hier mit dem Vorschlaghammer ausgenutzt. Während eigentlich der Akt des Blutsaugens erotisch sein sollte, wird hier ein halber Porno draus gemacht. Ob die dazu gedichtete Vorgeschichte des Grafen und die daraus resultierende Liebesgeschichte wirklich nötig war, sei mal dahin gestellt, im Gegensatz zu vielen anderen Aspekten wirkt sie aber nicht völlig fehl am Platz. Allerdings nimmt sie Mina als Charakter viele ihrer positiven Aspekte, scheint sie hier doch eher das verliebte Naivchen zu sein, statt der starken Frau aus dem Buch. Auch die Besetzung scheint teilweise etwas unglücklich. Sei es ein Anthony Hopkins als Van Helsing, der hier einen stets stark angeheiterten Professor abgibt, einen ausdruckslosen Keanu Reeves oder einen Gary Oldman, der sich auch stets der Grenze zum Overacting gefährlich nähert. Am ungeschicktesten dürfte aber wohl Winona Ryder als Mina Harker sein. Obwohl sie zu dem Zeitpunkt schon in einigen bekannten Produktionen mitgespielt hat, scheint sie hier das Schauspiel komplett verlernt zu haben. Kein Ausdruck, kaum Emotionen und dabei war ihre Rolle laut Drehbuch schon durchaus schwierig. 
Letztlich hatte der Film eigentlich einen namenhaften Cast und einen noch namenhafteren Regisseur. Dennoch weiß der Film vorne und hinten nicht, was er eigentlich sein will und was er schließlich aussagen will. Ja die Geschichte bleibt in den Grundzügen buchnah, aber letztlich wirkt es eher wie eine Parodie auf das Buch. 

Das Fazit

Francis Ford Coppolas Bram Stokers Dracula – man hätte vielleicht bei dem Namen D bleiben sollen – kennt nur zwei Arten: Zu viel und zu wenig. Zu viel Blut, Overacting und deutlich zu viel Pornocharakter. Zu wenig Schauspiel, zu wenig Charme, zu wenig Tiefe. Ein schwieriges Werk.

Mary Shelley’s Frankenstein

Ein Vorwort

Während mir Coppolas Verfilmung von Dracula regelrecht entgegensprang und ich sie unbedingt in meine Monsterwochen einbinden wollte, ging es nun darum ein ebenwürdiges Pendant dazu mit Frankenstein zu finden. Und auch wenn ich Kenneth Branagh nun keinesfalls mit Coppola gleichsetzen will, vereint die beiden doch zumindest die ähnliche Entstehungszeit, die hochkarätige Besetzung und die gleiche Huldigung der Buchvorlage durch Nennung des Autorenamens im Titel.

Die Handlung

Victor Frankenstein kommt über den Verlust der geliebten Mutter nicht hinweg. Als er auszieht, um zu studieren, sucht er noch immer nach Antworten. Er stößt auf ein Experiment eines seiner Professoren, der jedoch verstirbt. Also versucht Frankenstein das Experiment nachzumachen, wobei er aus Totem Leben erschaffen will. Doch seine Kreatur ängstigt ihn und er bereut seine Tat. Doch seine Taten holen ihn ständig wieder ein.

Meine Meinung

Ähnlich wie Coppola bleibt auch Branagh sehr nah an der Buchvorlage, zumindest in vielen Teilen. So tauchen alle wichtigen Figuren auf, auch wenn sie an manchen Stellen etwas umgeschrieben wurden, was aber erst einmal dem Film nicht schadet. Auch ähnlich wie Coppola inszeniert Branagh hier große Teile des Films ein wenig zu intensiv. Alles wird mit großen Gesten gemacht, nichts mit kleinen Worten. Keine Szene ist dezent inszeniert, sondern stets mit großem Trara.
Auch wenn der Aspekt bereits an der Belastbarkeit des Zuschauers zehrt, wird es dabei nicht belassen. Branagh schlüpft, wie in vielen seiner Filme, auch hier in die Hauptrolle und präsentiert uns seinen Victor Frankenstein. Da diese Rolle im Buch nicht unbedingt ein Sympathieträger ist, schreibt Branagh die Rolle ein wenig um. Statt mit einer permanenten naiven Weinerlichkeit umzugehen, hat nun der Zuschauer hier einen unter Strom stehenden Frankenstein, der ständig durch seine zu laute Stimme und zu heftigen Reden auffällt. Freunde und Familie stößt er regelmäßig von sich und wenn die nicht selbst zu ihm zurückkehren, obwohl er so ungehobelt war, läuft er ihnen selbst hinterher, um sich immerzu zu entschuldigen. Was so schon anstrengend wäre, wird noch auf die Spitze getrieben durch Branaghs konsequentes over-acting. Er geht damit so weit, dass er selbst Helena Bonham-Carter, die hier eigentlich noch ruhig und souverän spielt, fast verführt ihn ebendieses abzudriften.
Hat der Zuschauer einmal das erste Drittel überstanden, darf er ein wenig aufatmen. Denn ab hier wird die Inszenierung ein wenig ruhiger und bodenständiger. Vor allem dürfen wir ab jetzt aber auch Robert deNiro als Frankensteins Monster begrüßen. deNiro spielt die Kreatur wirklich auf den Punkt. Die Verwirrung über das plötzliche Leben und wie er von allen, sogar seinem eigenen Schöpfer, als abstoßend empfunden wurde, weswegen ihm permanent Hass und Ablehnung entgegenschlägt. Dabei wurde auch sein Aussehen wohl dem von Shelley erdachten angepasst. Man bekommt einen Einblick in sein Denken und Handeln, auch wenn einige kleinere Szenen weggelassen wurden, die doch eine große Aussage treffen könnten, warum er seine Entwicklung durchmacht. Hier spiele ich vor allem auf die kurze Szenen aus dem Buch an, wo die Kreatur ein Mädchen vor dem Ertrinken rettet und dann von ihrem Vater fast erschossen wird. Letztlich wurde die Grundabsicht Shelleys aber doch deutlich.
Wir kommen also zum letzten Drittel des Films. Hier wird das Drehbuch wieder aufgeregter und Szenen werden wild hin und her geworfen, ähnlich der Wankelmütigkeit von Branaghs Frankenstein. Hier dürften sich dann auch die größten Änderungen zu Shelleys Vorlage finden. Gerade das große Finale wird hier abgewandelt und zeigt einmal mehr, dass verzweifelt versucht wurde, eine eher dialoglastige Geschichte, mit vielen Beschreibungen der Gedanken und des Innenlebens des Protagonisten, eine bildgewaltige Verfilmung zu machen. Dass der Film mit einer wesentlich dezenteren Darstellung vielleicht sogar besser verfahren wäre, wird hier komplett außer Acht gelassen.

Das Fazit

Buchnah und doch so opulent inszeniert, dass man sich nur die Haare raufen kann. Der Film erfasst irgendwo die Grundstimmung und Tiefe des Buches und kann doch die essenziellen Botschaften nur bedingt rüberbringen.

Artemis Fowl

Ein Vorwort

Acht Bände der Artemis Fowl-Reihe aus der Feder von Eoin Colfer sind zwischen 2001 und 2012 erschienen. Die beliebte Kinderbuchreihe ist dabei international sehr beliebt und erhielt sogar den deutschen Bücherpreis. Das es überhaupt so lange bis zu einer Verfilmung gedauert hat, ist erstaunlich. Doch dann erbarmte sich Disney endlich zur Freude der Buchfans und kündigte die Verfilmung an. Der erste Trailer wurde jedoch bereits mit gemischten Gefühlen aufgenommen und durch die ganzen Verschiebungen der letzten Zeit wurde der Film nun schließlich auf Disney+ „verbannt“. Warum der Film jedoch nicht nur ein Opfer seiner Umstände, sondern auch wirklich nicht gut ist, erfahrt ihr in meiner Kritik. 

PS: Ich habe die Bücher übrigens nicht gelesen, kann mich hier also nur auf den Film beziehen.

Die Handlung

Artemis Fowl II (Ferdia Shaw) ist ein kleiner Überflieger, was ihn in der Schule nicht gerade beliebt macht. Er sieht sich als Intelligenter als alle anderen an, mit Ausnahme seines Vaters, ebenfalls mit Namen Artemis Fowl (Colin Farrell). Dieser lehrte ihn seit seiner Kindheit die Märchen und Legenden Irlands, wo die Fowls ein großes Anwesen bewohnen. Doch als sein Vater von einem mythischen Wesen entführt wird, muss Artemis erkennen, dass mehr an den Märchen dran ist, als er für möglich hielt. Zusammen mit seinem Butler, dessen Nichte und einer gefangenen Elfe muss Artemis jedoch erst das Anwesen der Fowls vor den Elfen verteidigen.

Meine Meinung

Kenneth Branagh als Regisseur (Thor, Cinderella, Mord im Orient-Express) erschien mir grundsätzlich erst einmal als eine gute Wahl um die Bücherreihe zu verfilmen. Als dann auch noch die Castingliste veröffentlicht wurde und neben Namen wie Josh Gad und Colin Farrell auch noch Dame Judy Dench auftauchte, war ich mir sicher, dass der Film gar nicht so schlecht werden könnte. Leider ist spätestens seit dem Fiasko von Cats – ebenfalls mit Judy Dench – eine gute Castingliste wohl kein Garant mehr für einen guten Film. Denn hier wird so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. 
Fangen wir zunächst an mit der Erzählstruktur. Im Prinzip wird hier das Ende vorweggenommen, dann Josh Gads Charakter Mulch Diggums wird festgenommen und darf nun auf der Polizeistation seine Geschichte erzählen. Allerdings erzählt er eher die Geschichte von Artemis Fowl, zu der er selbst erst später hinzustößt. Obwohl sich die beiden im Film am gleichen Tag erst kennenlernten, kennt Mulch natürlich die ganze Familiengeschichte der Fowls. Selbst wenn wir diesen Fakt ignorieren, so wird hier dann doch die gesamte Vorgeschichte in wenigen Szenen abgearbeitet und auf einmal soll man sich mit den Charakteren im Hause Fowl verbunden fühlen. Dann werden wirr ein paar Begebenheiten in der „realen“ Welt und in der Elfenwelt erzählt, die absolut unzusammenhängend wirken. Weiter geht es mit der eigentlichen Handlung, die wie ein wirres Puzzle aus Szenen wirkt, die irgendwie zu einem Kampf im Anwesen der Fowls führt. Und schwupp ist der Film auch schon wieder vorbei. Nur leider wissen wir immer noch herzlich wenig über die Welt oder die Charaktere, so dass einen auch Einzelschicksale sehr unberührt lassen. 
Kommen wir also zum nächsten großen Problem. Dem Worldbuilding/Weltenbau. Bzw. dem nicht vorhandenen. Grundsätzlich will uns der Film erklären, dass es neben/unter/irgendwo halt der uns bekannten Welt auch noch die „magische“ Welt gibt, in der all die Märchen- und Legendengestalten der irischen Sagen leben. Hier im Film lernt man erst einmal nur die Elfenwelt kennen und auch die nicht wirklich. Denn während der Film noch die Vorgeschichte der Fowls mit ein paar wenigen Szenen versucht zu erklären, hören hier die Erklärungen leider wieder auf. Der Zuschauer wird hier also vor eine neue Welt gesetzt, ohne das diese genauer erklärt wird. Es gibt irgendein magisches Artefakt, das mehrere Seiten aus irgendeinem Grund brauchen/wollen, die Elfen scheinen irgendwo unter unseren Vulkanen zu leben, deren Welt scheint auch technisch viel weiterentwickelt als unsere, aber mehr erfahren wir einfach nicht. Irgendwie haben sie Zwerge und Kobolde gefangen, aus irgendeinem Grund lebt ein Zentaur unter ihnen, aber was es damit auf sich hat, wird einfach nicht erklärt. Ihr merkt schon, dass mich sowas wahnsinnig macht. 
Und weil das alles noch nicht reicht, möchte ich nun noch über die wahnsinnig schlecht geschriebenen und eindimensionalen Charaktere sprechen. Fangen wir ganz vorne an bei Artemis Fowl. Hier ist es tatsächlich egal, welchen von beiden wir uns vornehmen, aber da Colin Farrell vergleichsweise wenig Screentime hat, bleiben wir beim jungen Artemis. Mit Ferdia Shaw wurde ein Nachwuchsschauspieler gefunden, der zwar rein optisch super zur Rolle zu passen scheint, allerdings auch mit absolut keiner Filmerfahrung punkten kann. Was grundsätzlich nicht schlimm sein muss, funktioniert hier leider absolut nicht, da Shaw es nicht schafft seinen einen Gesichtsausdruck zu verändern, egal ob es dramatische Szene ist, es bleibt der arrogante Ausdruck. Allerdings wurde sein Charakter auch nur auf diese eine Eigenschaft reduziert. Ebenso verhält es sich beim übrigen Cast. Die Charaktere sind so eindimensional, dass es selbst eine Judy Dench nicht schafft, ihrem Charakter irgendetwas was man auch nur ansatzweise Tiefe nennen kann, zu geben. 
Ich merke schon, dass dieser Beitrag etwas ausschweifend wird, aber ich muss mit euch noch kurz über die Handlung sprechen. Ein paar Punkte habe ich bereits beim ersten Punkt (Erzählstruktur) angesprochen. Doch ich möchte noch kurz darauf zu sprechen kommen, dass der gesamte Film mit einer Lauflänge von 96 Minuten (inkl. Abspann) geplant wurde. Und dennoch findet der Film Zeit Szenen einzubauen, die absolut keine Bedeutung für den späteren Verlauf haben. Diese Zeit hätte man gut nutzen können, um beispielsweise etwas mehr von der Welt oder zu den Charakteren erklären zu können. 
Schließlich bleibt Artemis Fowl ein lebloser Film. Wirre Szenen ohne wirklichen Zusammenhang mit einem stark inszenierten finalen Kampf wechseln sich ab mit belanglosen Dialogen. Letztlich scheint der Film daraufhin zu arbeiten, dass es mehrere Teile geben wird, aber dafür hätte man sich bereits beim ersten deutlich mehr Mühe geben müssen. Denn auch für Kinder dürfte der Film keinen wirklichen Mehrwert bieten, dafür gibt es zu wenig lustige Szenen und auch die Geschichte selbst dürfte für Kinder zu wirr erzählt worden sein. 
Dennoch möchte ich mit einem positiven Aspekt enden. Die gezeigten Bilder waren wirklich inszeniert, auch wenn man ihnen das überbordende CGI deutlich ansah. Und die Kostüme waren ganz hübsch. Nun, vielleicht gebe ich den Büchern noch eine Chance, da mich das Thema grundsätzlich doch ein bisschen interessiert. 

Das Fazit

Artemis Fowl macht bei Handlung, Erzählstruktur, Charakteren und dem Weltenbau so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann, zumal der Film auch nicht wirklich auf den Punkt kommt, was er denn nun erzählen möchte. Leider daher ein Flop, dem wohl keine weiteren Filme folgen werden. 

Artemis Fowl ist seit dem 14.08.2020 auf Disney+ abrufbar

Mord im Orient Express

Am 09.11.2017 erschien eine Neuverfilmung des Agatha Christie Romans in den deutschen Kinos.

Ein Vorwort:

Agatha Christie gilt nicht umsonst als „Queen of Crime“. Ihre 66 Kriminalromane, unter anderem mit den weltberühmten Detektiven Hercule Poirot oder Miss Marple, und ihre Kurzgeschichten wurden weltweit über 2 Milliarden Mal verkauft und gehören zu den meistübersetzten Werken weltweit. Während sie der Theaterwelt wenig vertraute und die auf ihren Werken basierenden Theaterstücke immer selbst inszenierte, sieht es in der Filmwelt anders aus. Denn hier sind ihre beiden Meisterdetektive Miss Marple und Mr Poirot altbekannte Figuren. Trotzdem schien es an der Zeit zu sein, die Werke Christies erneut auf die Leinwand zu bringen. So begeisterte sich Kenneth Branagh sowohl für die Neuverfilmung eines der Christie-Werke, als auch für die Darstellung des Detektivs Hercule Poirot. Wie schon in der Fassung von 1974 liest sich auch die Besetzungsliste von Branaghs Remake des Stoffes wie ein Who-is-Who in Hollywood. Der Trailer setzte die Erwartungen sehr hoch. Doch kann der Film diese Erwartungen halten?

Die Handlung:

Der Orient-Express von Istanbul bis Paris ist gut gefüllt, als der Detektiv Hercule Poirot (Kenneth Branagh) einsteigt. Die Wagen der ersten Klasse sind komplett gefüllt, weswegen er sich ein Abteil mit dem Sekretär MacQueen (Josh Gad) teilt. Doch mitten in der Nacht kommt es zu einem Mord. Nun ist die Liste der Verdächtigen zwar überschaubar, immerhin müsste es einer der Passagiere sein, doch steht Poirot vor seiner größten Aufgabe, obwohl er doch eigentlich nur seinen Dickens lesen wollte. Waren es der Graf und die Gräfin Andrenyi (Sergei Polunin & Lucy Boynton), die Prinzessin Dragomiroff (Judy Dench) mit ihrer Zofe Hildegarde Schmidt (Olivia Coleman), der Butler Masterman (Derek Jacobi), der mit dem Sekretär MacQueen und dem Gangsterboss Ratchett (Johnny Depp) reist? Oder waren es vielleicht doch die Einzelreisenden? Die Witwe Hubbard (Michelle Pfeiffer), die Missionarin (Penelope Cruz), die Gouvernante (Daisy Ridley), der Arzt Arbuthnot (Leslie Odom Jr.) oder doch der Professor Hardman (Willem Dafoe)?

Meine Meinung:

Mord im Orient-Express beginnt zunächst mit der Aufklärung eines anderen Falls, in dem der Protagonist Poirot vorgestellt wird. So soll der Zuschauer schnell einen Zugang zu ihm kriegen und als Sympathiefigur des Films verstehen. Leider ist Poirot so exzentrisch, dass er nicht wirklich als Identifikationsfigur herhalten kann. Wenn man sich trotzdem an seine Art gewöhnt, hat man mehr Freude an seiner Aufklärungstechnik. Denn Branaghs Mord im Orient Express orientiert sich sehr stark an den Vorlagen und erzählt die Geschichte immer mit einer gewissen Ruhe. Wer aufregende Dialoge, spannende Verfolgungsjagden oder ausgeklügelte Verhörmethoden sucht, sitzt eindeutig im falschen Film. Christies Werk wird voller Respekt behandelt. Der Spannungsbogen selbst ist dadurch zwar nicht sonderlich hoch, aber der Mörder bleibt doch lange Zeit unentdeckt. Die Vermutungen überschlagen sich und wechselns ebenso häufig. Mit seinen 114 Minuten fehlt dem Film die Zeit alle Figuren bis ins Detail vorzustellen, weswegen der Zuschauer gebannt Poirots Ausführungen folgt, da er als einziger den Überblick bei den Charakteren zu halten scheint und ihm Sachen auffallen, die jedem Laien entgangen wären – ganz so wie es sich für einen Meisterdetektiv gehört.

Durch die bedrückende und einengende Atmosphäre des Zuges wird das Katz und Maus Spiel doch noch spannender als zunächst vermutet. Keiner kann weg, jeder könnte der Mörder gewesen sein. Die Enge des Zuges lässt auch das Kamerateam sehr kreativ sein, was die Einstellungen betrifft. So sind nicht nur die üblichen Einstellungen zu sehen, sondern auch immer mal wieder neuartige, die frischen Wind in den Film bringen. Und zwischendurch gibt es dann doch kleine Szenen, die die Spannung durchaus erhöhen.
Ebenfalls ein interessanter Schachzug ist es, neben den ganzen hochkarätigen Namen der Schauspielriege auch wenige unbekannte hinzuzufügen. Während sich Branagh, Dafoe, Dench und viele weitere einer Oscarnominierung oder sogar eines Oscargewinns rühmen können, schafft es trotzdem sich Daisy Ridley (Star Wars – das Erwachen der Macht) ebenfalls in den Vordergrund zu spielen, auch wenn sie vor Star Wars kaum Rollen vorzuweisen hatte. Einen Schritt weiter geht Branagh dann noch bei der Besetzung von Sergei Polunin als Graf Andrenyi, der bisher erfolgreicher Ballettänzer war und zum ersten Mal für einen Kinofilm vor der Kamera stand. Dennoch muss auch er sich nicht verstecken. Castingtechnisch macht Mord im Orient Express also auch vieles richtig.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Mord im Orient Express interessante Kameraführungen hat, den Cast gut ausgewählt hat und sich gleichzeitig auch nah an die Romanvorlage hält. Doch der schmale Grad zur Modernisierung des Materials gelingt letztendlich nicht. So fesselt der Film nicht genug, erzeugt zu wenig Spannung und auch die Auflösung wird im komplett ruhigen Ton des Films gezeigt. Dadurch fehlt dem Film das gewisse Etwas, den gewissen Pepp, der das Werk außergewöhnlich gemacht hätte. So ist Mord im Orient Express zwar ein guter Film, bleibt aber doch hinter den Erwartungen zurück.

Das Fazit:

Wer einen ruhig erzählten Kriminalfall, der in sich an jeder Stelle schlüssig ist – dank der guten literarischen Vorlage – mit einem starken Cast und nicht allzu viel Wert legt auf das außergewöhnliche oder einem hohen Spannungsbogen ist mit Mord im Orient Express genau richtig bedient. Für alle anderen dürfte der Film an der einen oder anderen Stelle doch enttäuschend wirken. Dafür gibt es 7,5 von 10 möglichen Punkten und damit das erste Mal, dass auf dieser Seite halbe Punkte vergeben werden.