Wicked

Ein Vorwort

Wicked zählt zu den international erfolgreichsten Musicals. Auch hier in Deutschland lief es viele Jahre und doch habe ich es trotz meiner Leidenschaft für Musicals nie geschafft es auf der Bühne zu sehen. Umso mehr habe ich mich gefreut, als die Verfilmung angekündigt wurde. Abgesehen von den Trailern habe ich vorab auch versucht möglichst wenig darüber zu wissen, auch wenn mir die grobe Handlung bekannt war und ich 2-3 Lieder auch schon kannte. Warum ich absolut begeistert von dem Film bin, erfahrt ihr in meinem heutigen Beitrag.

Die Handlung

Die böse Hexen des Westens ist tot. Die Leute feiern ihr Ableben. Da taucht die gute Hexe Glinda auf und erzählt von ihrer Freundschaft zu Elphaba, die später zur böse Hexe wurde. Wie sie als Baby bereits grün geboren wurde und dadurch stets Ausgrenzung erfuhr und ihr Zusammentreffen an der Akademie Glizz.

Meine Meinung

Zwei Sachen sollte man vor dem Kinobesuch wissen. Zum einen handelt es sich bei Wicked um den ersten Teil, der den ersten Akt des Musicals adaptiert. Die Fortsetzung ist für Ende 2025 geplant. Zum anderen wird der Film in verschiedenen Fassungen gezeigt. Zum einen in der deutschen Fassung, hier sind die Dialoge und die Songs auf deutsch. Dann im OV, also in der originalen englischen Fassung. Hier sind Dialoge und Songs auf englisch. Und dann die Mischform. Deutsch mit Songs in OmU (Original mit Untertitel). Wer sich also im englischen nicht so sicher fühlt und die Dialoge lieber auf deutsch hat, aber trotzdem nicht die originalen Sängerinnen missen will, für den ist das der ideale Kompromiss und ich finde es sehr schön, dass es bei so einer großen Produktion auch angeboten wird. (PS: Wer die deutschen Songs aus der Bühnenproduktion liebt, sollte wissen, dass diese im Film wegen der Lippensynchronität leicht angepasst wurden.)
Aber kommen wir zum eigentlichen Film. Und ich muss sagen, dass ich absolut geflasht bin. Ich war nach den Trailern schon absolut begeistert von der Optik, aber der Film bietet noch so viel mehr. Und wie so oft bei Filmen, die mich absolut begeistern konnten, fällt es mir sehr schwer diese Begeisterung auch in Worte zu fassen. Also versuchen wir es einfach  schrittweise. Ich habe mich aus Zeitgründen (die Vorstellung passte am besten in meinen Terminkalender) für die deutsche Fassung mit den Songs in OmU entschieden.
Der Film beginnt so ziemlich am Ende, spoilert dabei aber lediglich die, die den Zauberer von Oz nicht kennen, da es sich bei Wicked um eine Vorgeschichte dessen handelt. Hier wird wohl auch gleich der Hauptgrund gezeigt, wieso eine Ariana Grande für die Rolle der Glinda gecastet wurde. Denn die hohen Töne liegen ihr auf jeden Fall und sie kann allgemein während des Films eine weitreichende Bandbreite ihrer Stimme zeigen. Wir erfahren die Hintergründe von Elphabas Geburt und ihre Kindheit, die alles andere als leicht war. Durch ihre grüne Hautfarbe erfährt sie von Anfang an nur Abneigung. Schließlich kommen wir zum Hauptschauplatz des Films: die Akademie Glizz.
Während Elphaba eigentlich nur ihre Schwester Nessarose bringen wollte, wird sie  durch einen Zwischenfall ebenfalls aufgenommen. Hier macht Wicked neben dem Rassismusthema rund um Elphaba noch eine weitere Komponente auf. Denn Nessarose sitzt im Rollstuhl und hier kommt der Alltagsableismus durch, wenn dabei ständig über ihren Kopf hinweg entschieden wird und die übertriebene Fürsorglichkeit mit Übergriffigkeit verwechselt wird.
Auch Glinda erscheint und ist sofort die beliebteste Mitschülerin und zeigt das auch deutlich. Sie will ständig die gute sein, greift dabei aber oft zu den falschen Mitteln. Und dann kommt auch noch Elphaba und bekommt die große Chance, die sie sich ihr Leben lang erträumt hat (und wohl das Einzige ist, was sie nicht bekommen kann). So trägt uns der Film weiter durch die Geschichte, wie die beiden sich schließlich anfreunden. All das benötigt seine Zeit und dauert einige Lieder, aber trotzdem zieht sich der Film an keiner Stelle. Trotz einer Lauflänge von ca. 160 Minuten, ist keine Minute zu viel.
Aber wir sind bei weitem noch nicht am Ende von den ganzen Nebenhandlungen, die schließlich zum großen Finale in der Smaragdstadt beim Zauberer von Oz führen. Da hätten wir noch ein weiteres Rassismusthema, was leider aktueller denn je ist. Denn während die Unzufriedenheit im Volk wächst, wird sich einfach ein neues Feindbild gesucht. Diesmal in Form von sprechenden Tieren. Hier werden abscheuliche Theorien geäußert, die völlig übertrieben klängen, wenn die Geschichte nicht schon längst bewiesen hätte, wie real diese werden können.
Und so ganz ohne Love interest kommen wir halt auch nicht aus. Leider hat er eine schreckliche Abneigung gegen Bücher, die für mich in seinem Lied fast unerträglich war. Denn es wird auf ihnen herumgetrampelt, sie werden geworfen, als Skateboard benutzt und ach mein armes Herz ist so gebrochen. Danach ging es dann aber auch wieder. Interessant war, dass hier Jonathan Bailee gecastet wurde, der doch etwas zu alt aussah, um noch zur Schule zu gehen. Auch die anderen Darstellenden sind deutlich älter, aber bei ihm fiel es irgendwie noch einmal deutlicher auf.
So jetzt habe ich viel über die Handlung gesprochen, kommen wir noch zu drei weiteren Komponenten, die den Film ausmachen. Zum einen der grandiose Cast, der sich durch alle Rollen zieht. Hatte ich am Anfang noch Bedenken wegen Ariana Grande, so ist ihr die Rolle auf den Leib geschrieben. Eine Michelle Yeoh oder ein Jeff Goldblum liefern natürlich ab, aber vor allem Cynthia Erivo als Elphaba kann in jeder einzelnen Szene absolut überzeugen.
Dann hätten wir noch die unglaubliche Optik, die ich hier lobend erwähnen möchte. Gerade die vielen Kamerafahrten durch diese, dürfte mit ein Grund sein, wieso der Film deutlich länger ist als der erste Akt des Musicals. Aber hier gibt es einfach genug zum Bestaunen und Bewundern, so dass ich froh war, genau dafür Zerit zu haben.
Und last, but not least, die Lieder. Ein wahnsinnig guter Soundtrack, der wohl auch zur großen Beliebtheit des Bühnenstücks beigetragen hat, wird hier sehr gut adaptiert und eingesetzt. Sie im englischen Original zu hören, war für mich die richtige Wahl (auch wenn sie zufällig war) und ich werde ihn bestimmt noch einge Male hören.

Das Fazit

Wicked ist eine Musicaladaption, die auf allen Ebenen überzeugen kann. Ich bin sehr gespannt auf den zweiten Teil, ob er das sehr hohe Niveau halten kann. Dafür gibt es 10 von 10 möglichen Punkten.

Wicked läuft seit dem 11.12.2024 in den deutschen Kinos

Lyle, mein Freund, das Krokodil

Ein Vorwort

Mit Musicals kriegt man mich bekanntlich meistens. Und Krokodile finde ich auch zutiefst faszinierend. Ein Kindermusical mit singendem Krokodil? Ich war dabei und konnte mir den Film nicht nehmen lassen. Wie das funktioniert hat, erfahrt ihr in meinem heutigen Beitrag.

Die Handlung

Familie Pimm zieht neu nach New York, da Mr. Pimm dort eine Stelle als Lehrer angeboten bekommen hat. In der ersten Nacht macht Sohn Josh auf dem Dachboden eine Entdeckung: Ein singendes Krokodil. Lyle wurde von seinem Vorbesitzer dem erfolglosen Magier Hector zurückgelassen. Durch Lampenfieber hat er den Mut verloren vor anderen zu singen. So freundet sich Josh mit ihm an. Doch ein Krokodil in der Großstadt ist gar nicht so einfach zu halten.

Meine Meinung

Kinderfilme mit sprechenden Tieren sind keine Seltenheit. Ein Krokodil bzw. auch nur ein Tier ohne flauschiges Fell, suchte man meines Wissens nach bisher vergebens. Mit Lyle bekomme ich nun nicht nur endlich ein Krokodil, das nicht als blutrünstig ist, sondern auch zeitgleich noch ein Musical.
Das funktioniert in der Kombi ganz wunderbar, denn Lyle singt sich von Anfang an in die Herzen der Zuschauenden. Vom kleinen Baby wächst er in der Eröffnungssequenz sehr schnell und bleibt doch super putzig. Nach seinem durch Lampenfieber verhinderten Debüt, gibt es einen Zeitsprung und schon lernen wir Familie Pimm kennen. Sie haben alle so ihre Probleme, halten aber als Familie zusammen. Mr. Pimm ist in seinem Job als Lehrer unglücklich, weil er sich in der Klasse nicht durchsetzen kann. Mrs. Pimm hat nach einem erfolgreich veröffentlichten Kochbuch zwar viele Kochideen, aber steckt in einer Sinnkrise. Josh findet an der neuen Schule keinen Anschluss und kann sich allgemein mit der neuen Umgebung wenig anfreunden. Lyle kämpft mit dem Verlust von Hector und der Einsamkeit. Irgendwie haben sie sich alle gefunden. Ihre Lebensrealitäten sind so alltäglich und doch so liebevoll aufbereitet, dass man sich wunderbar in ihnen wiederfindet.
Daneben gibt es als deutlichen Antagonisten den etwas schrulligen und ordnungsliebenden Nachbarn, der ebenfalls völlig aus dem Leben gegriffen scheint. Und Javier Bardem gibt uns dann noch einen erfolglosen Magier, der wankelmütig wohl die größte Entwicklung durchmacht.
So sing sich Lyle in unser Herz und kommt mit einer süßen kleinen Geschichte über Freundschaft und Familie daher, bei dem einen das Herz aufgeht. Natürlich gibt es auch hier die Tragikmomente, doch die werden gut aufgearbeitet und alles in allem ist es eher ein Feel Good Film.
Dabei wird das ganze mit eingänglichen Melodien untermalt, die für einen Kinderfilm typisch ins Deutsche übersetzt wurden. Dadurch bekommt man zwar keinen Shawn Mendes, aber auch im Deutschen klingen die Lieder wunderbar – abgesehen von dem ein oder anderen Holperer, der durch die Übersetzung wohl nicht zu vermeiden war.

Das Fazit

Lyle, mein Freund, das Krokodil ist ein schöner kleiner Familienfilm, der Freundschaft und Familie als Hauptthema hat und das mit einem singenden Krokodil sehr süß aufbereitet. Das funktioniert in seiner Gesamtheit gut, so dass auch kleine Schwächen mit gutem Auslassen mancher Klischees ausradiert werden. Dafür gibt es 07 von 10 möglichen Punkten.

Lyle, mein Freund, das Krokodil läuft seit dem 13.10.2022 in den deutschen Kinos

West Side Story

Ein Vorwort

Ein Musical von Steven Spielberg? Das waren für mich schon zwei gute Gründe ins Kino zu gehen. Eine Neuverfilmung eines Klassikers? Da könnte man sehr schön aktuelle Thematiken einbauen und eine … oh es wird keine Neuinterpretation, sondern nur die Verfilmung der bekannten Geschichte? Wie das funktioniert erfahrt ihr in meinem heutigen Beitrag.

Die Handlung

Die Upper West Side ist eine einzige große Baustelle. Dennoch rivalisieren hier die Jets und die Sharks um die Vorherrschaft. Während einer Tanzveranstaltung trifft der zu den Jets gehörende Toni (Ansel Elgort) auf Maria (Rachel Zegler), die Schwester des Sharksanführers Bernardo (David Alvarez). Während sich die beiden ineinander verlieben, droht ein alles entscheidender Kampf zwischen den beiden Gruppen.

Meine Meinung

Zwischen Erwartung anhand des Trailers und dem, was hätte sein können, liegt bei diesem Film ein gewaltiger Spalt. Denn in meinem Kopf war die Tatsache, dass Spielberg sich an dieses Musicals wagt, eine große Chance die Problematik der Armutsviertel und die Rassismusthematik auf eine neue Ebene zu heben, zu modernisieren und mit aktuellen Bezügen zu füllen. Nichts davon ist passiert, was mich ziemlich enttäuschte. Nun ist es natürlich unfair dies einem Film anzukreiden, der nie behauptet hat, etwas anderes zu sein als eine Neuverfilmung. Dennoch ist es schade, dass das Potential nicht genutzt wurde.
Entschädigt wird man vor allem von den unfassbaren Bildern, die Steven Spielberg wieder einmal gefühlt aus dem Ärmel schüttelt. Allein die Eröffnungssequenz, in der die Kamera über die Baustellen schweift bis es ins erste Lied übergeht, zeigt welch hohe Qualität wir vom Film erwarten dürfen. Dies ist auch das Element, das sich durch den ganzen Film zieht. Hinzu kommt ein gutes Setdesign und tolle Kostüme.
Handlungstechnisch wird sich hier komplett am Bühnenmusical und an der ersten Verfilmung orientiert. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, gibt es kaum Abweichungen in der Handlung. Lediglich die Inszenierung ist hier noch einmal beeindruckender. Zum Beispiel ist „America“ hier komplett durchchoreographiert und reißt eine ganze Straße mit, während es im Film von 1961 eine Tanznummer auf engstem Raum war. Auch hier zeigen sich die Stärken der Neuinszenierung.
Allerdings hat der Film eine große Schwäche: Ansel Elgort. Obwohl er mit Filmen wie „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ oder auch „Baby Driver“ sein Schauspieltalent bewies, mag er so gar nicht in die Rolle des Tony passen. Während die anderen Darsteller*innen die Ecken und Kanten für ihre Rollen direkt mitbringen, wirkt Elgort sehr weichgespült. Das alleine wäre vielleicht noch kein Grund für eine Kritik an ihn, sein unterirdisches Schauspiel aber schon. Denn entweder hatte er wenig Lust auf den Film und zeigt das auch in jeder Szene, oder ihm ist sein Talent abhanden gekommen. Eine absolut gelangweilte Miene in jeder Szene, beim singen wird der Mund kaum geöffnet und Emotionen gibt es auch keine.
So funktioniert der Film am besten, wenn er sich weder auf die noch immer holprige Handlung noch auf die Protagonst*innen konzentriert, sondern auf die kleinen aber feinen Nebenhandlungen. So sind etwa „America“ oder auch „Gee, Officer Krupke“ die absoluten Highlights im Film und machen einfach Spaß. Hier zeigt sich, wie die Nebencharaktere sowohl Gesang als auch Tanz und Schauspiel wunderbar beherrschen und die Choreographien in den Settings sind herausragend. Leider hält der Film dieses Niveau nicht durch.
Letztlich ist Spielbergs West Side Story ein guter Film. Er adaptiert die Vorlage – leider zu sehr – und setzt ihr seinen eigenen Stempel auf, was in tollen Bildern und Choreographien mündet. Er kränkelt am Hauptdarsteller, darüber hinaus ist er durch die Bank weg gut besetzt. Das ein Abweichen von der Vorlage vielleicht einige Stolpersteine aus dem Weg geräumt hätte, hinterlässt dennoch einen Wermutstropfen.
Zumindest in der deutschen Fassung gibt es dann natürlich noch den Kritikpunkt an fehlenden Untertiteln, wenn spanisch gesprochen wird. Hier fehlen teilweise ganze Dialoge für den nicht spanisch-sprechenden Zuschauenden. Gleichzeitig sind die Untertitel während der Lieder mitunter etwas zu freizügig interpretiert, gerade, wenn der englische Text gut verständlich ist. Gerade bei America haben Text und Untertitel teilweise überhaupt keinen Zusammenhang. Der Grund erschließt sich mir überhaupt nicht.

Das Fazit

West Side Story ist Spielbergs Variante des Klassikers. Viel Potential verschenkt, leider mit sehr schwachem Hauptdarsteller, kann der Film gerade durch Setdesign und Inszenierung punkten. Dafür gibt es 07 von 10 möglichen Punkten.

West Side Story läuft seit dem 09.12.2021 in den deutschen Kinos

Dear Evan Hansen

Ein Vorwort

Ich bin ein großer Musical-Fan. Doch vor der Verfilmung hatte ich von Dear Evan Hansen nur am Rande gehört, was wohl auch damit zusammenhängt, dass es – meines Wissens nach – noch keine deutsche Aufführung hatte. Umso überraschter war ich, dass die Lieder im Film ins Deutsche übersetzt sind, was mit ein Kritikpunkt bei vielen war. Wie mir der Film gefallen hat, erfahrt ihr in meinem heutigen Beitrag.

Die Handlung

Evan Hansen (Ben Platt) kämpft mit Panikattacken und Depressionen. In seiner Therapie wird ihm geraten, dass er sich jeden Tag einen Brief an sich selbst schreiben soll. Diesen klaut ihm sein Mitschüler Connor (Colton Ryan) und steckt ihn ein. Am nächsten Tag wird er ins Büro des Direktors gerufen, um Connors Eltern zu treffen. Denn dieser hat Suizid begangen. Das einzige, was die Eltern fanden, war der Brief, den sie für einen Abschiedsbrief an den besten Freund halten. Evan landet in einem Lügenkonstrukt, weil er so endlich Aufmerksamkeit bekommt.

Meine Meinung

Musicalverfilmungen sind nach dem Fiasko mit Cats auch seltener geworden. Nun hat sich Stephen Chbosky nach Vielleicht lieber morgen und Wunder an die Vorlage gewagt. In seinen bisherigen Filmen bewies er, dass er durchaus mit schwierigen Themen umgehen kann und die Themen auf Augenhöhe mit Jugendlichen vermitteln kann. Jetzt kam allerdings noch der Musicalteil dazu.
Mit Ben Platt als Hauptdarsteller konnte er wohl wenig falsch machen, immerhin spielte dieser die Rolle bereits am Broadway und gewann für die Rolle Tony und Grammy. Das zeigt sich auch im Film, denn die Rolle scheint ihm in Fleisch und blut übergegangen zu sein. Die Handlung selbst kommt eher langsam ins Rollen. Wir lernen Evan und seine Mutter kennen, die eher knapp über die Runden kommen. In der Schule sind es die typischen Rollenbilder, die reproduziert werden. Doch nach und nach wird davon immer mehr abgewichen. Die Charaktere bekommen Tiefe, Ecken und Kanten. Umso schader ist es, dass auf das Thema Suizidprävention oder der Umgang mit Depressionen kaum eingegangen wird.
Stattdessen wird sich an den üblichen Dramenaufbau gehalten, die Wendung gegen Ende kommt wenig überraschend.
Die Musicalnummern sind bis auf wenige Ausnahmen wenig mitreißend. Die Melodien sehr einfach und wiederholend. Hier ist es schwierig zu beurteilen, wie viel durch die eher mühsame deutsche Übersetzung verloren ging und wie viel vorher da war.
Worauf sich der Film aber durchaus versteht, sind Emotionen. Diese transportiert er so gut, dass einem die Geschichte sehr nah geht. Eine große Packung Taschentücher ist hier überaus empfehlenswert. Denn auch, wenn ich an einigen Stellen die Vertiefung der Thematik vermisst habe, so sind es doch die Sichtweisen Betroffener, sei es trauernder Angehöriger oder eben die Mitschüler*innen, die mit Depressionen oder anderen nicht sichtbaren Erkrankungen kämpfen, die den Film bereichern.
Schauspielerisch wartet der Film gerade bei den „Erwachsenen“ aus. Julianne Moore, Amy Adams oder auch ein Danny Pino geben sich die Ehre. Doch die „Jungdarsteller“ müssen sich keinesfalls verstecken, schaffen sie es doch ebenso die Emotionen rüberzubringen und ihre Charaktere die nötige Tiefe zu verleihen.

Das Fazit

Dear Evan Hansen überzeugt gerade durch Charaktere, Darsteller und Emotionen. Handlungstechnisch ein wenig zu vorhersehbar, es gibt keine Auseinandersetzung mit den Themen und die Musicalnummer sind (zumindest im Deutschen) sehr unspektakulär. Dafür gibt es 06 von 10 möglichen Punkten.

Dear Evan Hansen läuft seit dem 28.10.2021 in den deutschen Kinos

Monsterwochen #4 – Die Musik der Nacht

Herzlich Willkommen zur vierten Ausgabe der Monsterwochen in diesem Jahr. Nach Dracula und Frankenstein im letzten Jahr, wollen wir uns in diesem Jahr mit dem Phantom der Oper auseinander setzen. Heute geht es um die Musicals.

Monsterwochen? Was?

Kurz gesagt, geht es hier in vier Beiträgen um Das Phantom der Oper in verschiedenen Interpretationen.

Okay… Und Warum?

Hey, es ist Oktober, der Horrormonat, und das Phantom der Oper ist ein prominenter Vertreter des Genres!

Das Phantom der Oper

Die Handlung: Nach einem Vorfall bei den Proben zu Hannibal, in der die Übergabe an die neuen Operndirektoren angekündet wurde, ersetzte die junge Baletttänzerin Christin Daae die Diva Carlotta. Dabei entdeckt die der Vicomte de Chagny, der sie aus Kindertagen kennt. Das Wiedersehen der beiden, ruft jedoch Christines heimlichen Lehrer aus den Plan: Das Phantom. Die Eifersucht ist geweckt und es folgt ein Tauziehen der beiden Konkurrenten, um das Herz der jungen Frau. Gleichzeitig gibt es mehrere Vorfälle an der Oper, die auch auf das Phantom zurückzuführen sind.

Meine Meinung: Der einzige Film aus der diesjährigen Reihe, den ich schon vorher kannte und liebe. Die Verfilmung von Andrew Lloyd Webbers Meistermusical. Düstere Klänge, Opernelemente, gepaart mit Musicalmelodien erzeugen ein Gänsehaut erzeugendes Klangmeisterwerk. Auch Schauspielerisch hat der Film einiges zu bieten. In einer Phase, in der Gerard Butler noch nicht mit Vorsicht zu genießen war, gibt er ein Phantom ab, das zwischen Mitleid und Wahnsinn so gekonnt schwankt, dass er einen komplexen Charakter ausbaut. Im Vergleich zum Buch merkt man, dass sich die Geschichte stark daran orientiert, aber auch einige Elemente ändert, ausbaut oder verschiebt. Die größte Änderung dürfte wohl die Hintergrundgeschichte des Phantoms sein, die seine ganze Persönlichkeit verschiebt. Wenn man nur das Musical kennt, kann durchaus die Frage aufkommen, warum er in meinen Monsterwochen behandelt wird, auch wenn hier deutlich Soziapathische Züge aufkommen und man sollte die Leichen beachten, die er hinter sich herzieht. Dennoch sind es alles Änderungen, die nachvollziehbar sind, oder dem Buch eine zusätzliche Ebene geben, die ihm gut getan hätte. Schön fand ich, dass die Rolle der Madame Giry deutlich ausgebaut wurde und wir eine weitere starke und durchsetzungskräftige Frauenrolle gewonnen haben. Dass dafür der Perser (im Buch namenlos und nur darüber definiert) komplett gestrichen wurde und dadurch ein rein weißer Cast genutzt wurde, hinterlässt dagegen einen schalen Nachgeschmack. Dennoch zählt das Musical für mich zur besten Verfilmung.

Love never dies

Die Handlung: Christine und Raoul reisen nach New York und folgen einer mysteriösen Einladung. Nicht ahnend, dass das Phantom noch lebt, treffen sie in Coney Island auf Madame Giry und ihre Tochter. Christine wird spontan für ein Auftritt engagiert. Da das Paar unter Geldproblemen leidet, nimmt sie an. Dort treffen die Eheleute mit ihrem Sohn Gustav auch auf das Phantom. Alte Gefühle und Rivalitäten werden neu entfacht.

Meine Meinung: Wusste ich, dass es eine Fortsetzung zum Musical gab? Nicht, bis ich für die Monsterwochen recherchiert habe. Zunächst stand ich dem Ganzen skeptisch gegenüber, ließ mich dann aber doch darauf ein, da Andrew Lloyd Webber erneut seine Finger mit im Spiel hatte. Diesmal handelt es sich um eine Aufzeichnung des Bühnenmusicals und nicht um einen eigenständig gedrehten Film. Dadurch unterscheiden sich auch die Darsteller*innen der Rollen, was aber nach einer kurzen Eingewöhnungsphase kein Hindernis darstellt. Die Handlung ist in sich schlüssig und die Lieder gut inszeniert – auch wenn sie nicht an den Gänsehautfaktor des ersten Teil herankommen. Gestört hat mich dagegen, dass die Charaktere sich teilweise sehr gestark gedreht haben und nicht mehr ihrer Persönlichkeit entsprechen. Dem Phantom wird alles aus dem ersten Teil vergeben. Ein paar Leichen? Nicht weiter tragisch, er hatte es halt schwer. Entführung und Nötigung? Es ist halt wahre Liebe! Stalkerei und Obzession? Ich wiederhole: Es ist halt wahre Liebe! Man muss sich halt daran gewöhnen, dass all das vorherige größtenteils ignoriert wird, dann funktioniert auch die Geschichte.

Das Fazit

Andrew Lloyd Webbers Musicalverfilmung zu Das Phantom der Oper ist eine dieser Verfilmungen, die das Buch bereichern. Bei der großen Streitfrage Film oder Buch würde hier der Film gewinnen.
Love never dies als Fortsetzung dazu funktioniert nur bedingt, kommt inszenatorisch nicht an den Vorgänger ran und verfälscht auch die Charaktere stark.

 

In the Heights (OV)

Ein Vorwort

Erinnert ihr euch noch an Hamilton? Okay blöde Frage, da es immer und immer wieder in meinen Monatsrückblicken aufgetaucht ist und sich schnell zu meinem Lieblingsmusical entwickelt hat. Doch vor Hamilton schrieb Lin-Manuel Miranda bereits ein Musical: In the Heights. Nun gibt es die adaptierte Bühnenfassung im Kino. Wie das funktioniert hat, erfahrt ihr in meinem heutigen Beitrag.

Die Handlung

Usnavi (Anthony Ramos) ist Besitzer eines kleinen Ladens in Washington Heights einem Stadtteil von New York City. Dort trifft sich die Gemeinschaft, die alle unterschiedliche Sorgen haben. Als dann auch noch das Gerücht umgeht, dass jemand 96.000 Dollar im Lotto gewonnen hat, gibt es kein Halten mehr.

Meine Meinung

Die Handlung von In the Heights zusammenzufassen ist ein bisschen schwierig, weil alles und gleichzeitig nichts passiert. Um es ganz kurz zu machen, es geht um die Hoffnungen und Träume in einem Stadtteil New York, das von vielen Einwanderern und deren Nachkommen bewohnt wird. Von einem Ladenbesitzer, der von seiner Kindheit in der Dominikanischen Republik träumt und dorthin zurückziehen will. Von einer jungen Friseurin, die gerne Designerin wäre und einen Laden in Manhattan hätte, dort aber nicht einmal eine Wohnung bekommt. Von einer jungen Studentin, die es nach Stanford geschafft hat, doch vom Heimweh zerfressen wird. Und noch so vielen anderen.
Und auch wenn die Grundstimmung der einzelnen Geschichte eher traurig ist, ist es der Film keinesfalls. Lateinamerikanische Rhythmen, mitreißende Hip-Hop Beats und dazu Musical-Melodien. Zusammen ergibt dies einen Cocktail, der es einem schwer macht, artig im Kinosessel sitzen zu bleiben. Vor allem weil die Choreographien einen förmlich dazu auffordern, aufzuspringen und mitzutanzen – auch wenn ich null Rhythmusgefühl habe.
Schwieriger ist es da schon der Handlung zu folgen. Denn es gibt den Film aktuell nur in der Originalversion. Die Betonung liegt hier auf Ohne Untertitel. Das mag bei den Dialogen für geübte Originalzuschauer noch gut funktionieren, ist bei den Liedern dann schon schwieriger, vor allem wenn viel durcheinander gesungen wird. Dennoch schafft man es die Grundaussagen des Films gut zu verstehen, auch wenn es dadurch mitunter anstrengend wird.
Mit 143 Minuten ist In the Heights kürzer als Hamilton (160 Minuten). Dennoch merkt man stellenweise, wo sich Längen auftun könnten. Doch das Drehbuch schafft es genau dann wieder durch eine gefühlvolle Ballade oder eine mitreißende Nummer die Stimmung zu kippen.
Schauspielerisch ist der Film top besetzt. Lin-Manuel Miranda, der in der Broadwayfassung noch die Hauptrolle des Usnavi spielte, gibt diese an seinen Kollegen Anthony Ramos ab, der bereits bei Hamilton eine große Rolle spielen durfte. Doch auch der übliche Cast kann sich durchaus sehen lassen. Schmunzler gab es für Brooklyn-99 Fans mit Stephanie Beatriz Rolle, die so gar nicht der Rosa entspricht und für Hamilton Fans mit dem Gastautritt von Chris Jackson.

Das Fazit

In the Heights bringt lateinamerikanische Rhythmen ins Musical und vereint gute Laune und ernste Themen über die Einwanderungspolitik mit einem unfassbaren Gemeinschaftsgefühl. Nicht nur für Musicalfans eine Empfehlung! Dafür gibt es 08 von 10 möglichen Punkten.

In the Heights läuft seit dem 22.07.2021 in den deutschen Kinos

PS: Bleibt bis zum Ende des Abspanns sitzen! Dort wartet noch ein kleiner Schmunzler und das letzte Lied auf euch!

Hamilton

Ein Vorwort

Ein Broadway Musical im heimischen Wohnzimmer? Da war ich doch sofort dabei. Während zuvor eine Ausstrahlung der Aufnahme im Kino für 2021 angepeilt wurde, fand nun die Veröffentlichung auf Disney+, dem Streamingdienst aus dem Hause Disney, statt. Da der Dienst mit schwindenden Nutzerzahlen zu kämpfen hat, dürfte Hamilton nach dem Zugpferd The Mandalorian zumindest kurzseitig für Besserung sorgen.

Die Handlung

Der Gründungsvater Alexander Hamilton (Lin-Manuel Miranda) trifft 1776 in New York ein und schließt sich der Revolution an, die im Unabhängigkeitskrieg gipfelt. Nach erfolgreichem Sieg wird Hamilton durch enge Beziehungen zum 1. Präsidenten der USA George Washington (Christopher Jackson) zum 1. Finanzminister, hat im Kabinett aber mit ordentlich Gegenwind zu kämpfen.

Meine Meinung

Wie oft im Leben hat man schon die Chance ein echtes Boradwaystück zu sehen? Und zwar nicht neu adaptiert, verfilmt oder für deutsche Bühnen umgeschrieben. Mit Lin-Manuel Mirandas Hamilton kommt genau dies ins heimische Wohnzimmer. Während es auf der Kinoleinwand wahrscheinlich noch einmal besser gewirkt hätte, ist das Musical aber auch so vom ersten Moment an beeindruckend.
Schon sobald Leslie Odom Jr. die ersten Töne als Aaron Burr anstimmt und dann das Ensemble dazustößt, gibt es Gänsehautmomente. Auch wenn danach erst einmal Verwirrung herrscht, in welche Richtung die Handlung geht, hält Hamilton einen zunächst gefangen.
An die Tatsache, dass es keine deutschen Untertitel gibt, muss man sich auch erst einmal gewöhnen, aber gänzlich ohne Untertitel würde es dann doch nicht gehen. Denn die Lieder sind eine gute Mischung aus Jazz, Musical und vor allem R&B und Hip-Hop. Bei der Geschwindigkeit der Texte sind die Untertitel dann sehr hilfreich. Da auch das gesamte Musical durchgetextet ist, und es zwischendurch keine gesprochenen Dialoge gibt, muss man bei den Liedern auch am Ball bleiben. Daher empfiehlt es sich das Musical eigentlich mindestens zweimal zu sehen, einmal um zu verstehen, worum es geht, und einmal um die Performance an sich genießen zu können.
Auch wenn der Ausgang der Geschichte bereits im ersten Lied gespoilert wird und viele Sachen einfach durch ihren historischen Bezug vorhersehbar sind, bleibt Hamilton doch durch die gesamte Gestaltung und der Ohrwurmlieder durchgehend spannend. Mit einer Lauflänge von 180 Minuten bekommt man trotzdem die ganze Zeit etwas für Augen und Ohren geboten. Gerade die kleinen Details – ja, es gibt schon unzählige Listen mit Ranking dieser Details – heben das Musical auf ein ganz besonderes Niveau.
Schauspielerisch ist das Musical bereits vom Allerfeinsten. Getoppt wird es aber noch um Welten durch die gesanglichen Leistungen und die Tanzperformances.
Hach, ich könnte hier noch eine ganze Weile weiter schwärmen, aber ich mache es mal kurz: Wenn ihr auch nur ansatzweise etwas mit Musicals anfangen könnte, dann guckt euch Hamilton an.

Das Fazit

Hamilton ist ein Musical auf ganz hohem Niveau und unterscheidet sich dabei gerade musikalisch von den sonst üblichen Popklängen. Amerikanische Geschichte wurde noch nie so mitreißend erzählt.

Hamilton ist seit dem 03.07.2020 auf Disney+ abrufbar

Eine Handvoll Filme

Wie beim letzten Mal geht es hier wieder um fünf Filme, die ich in keiner anderen Kategorie bespreche, euch aber trotzdem meine Meinung nicht vorenthalten möchte. Vielleicht sind für euch ja auch ein paar Anregungen dabei, auch wenn die Kinos aktuell wieder schrittweise öffnen 😉

Whale Rider

Die Handlung: Paikea (Keisha Castle-Hughes) wächst bei ihren Großeltern auf, nachdem ihre Mutter und ihr Zwillingsbruder bei der Geburt starben und ihr Vater sich danach komplett von der Familie zurückzog. Da ihr Großvater der Häuptlings ihres Maori Stammes in Neuseeland ist, wächst sie zwischen Liebe und Abneigung auf, da sie als Mädchen niemals die Nachfolge antreten kann. Obwohl sie die Traditionen und Anforderungen am besten erfüllt, will ihr Großvater in einem Ausbildungscamp die anderen Jungs aus dem Dorf trainieren.

Meine Meinung: Whale Rider ist einer der ersten Filme, an die ich mich noch aktiv erinnere dafür im Kino gewesen zu sein. Es ist ein Film, der einem zum einen die Situation der Maori in Neuseeland gefangen zwischen Moderne und Tradition näher bringt, sich aber vor allem auf die zwischenmenschlichen Töne konzentriert. Mit Paikeas Kampf um Anerkennung ist es auch ein Film über Emanzipation. Man fiebert mit ihr, leidet mit ihn und versteht, was in ihr vorgeht. Dafür hilft es, dass Castle-Hughes schon in jungen Jahren versteht, die Emotionen ihrer Rolle durch ihre Mimik wiederzugeben. Die innere Zerissenheit zwischen ihrer bedingungslosen Liebe ihres Großvaters gegenüber und dem Schmerz, den sie durch seine ständige Zurückweisung erfährt, schwingt in jeder Emotion mit. Nicht umsonst wurde sie 2004 als damals jüngste Darstellerin für einen Oscar als beste Darstellerin nominiert. Als Zuschauer ist man ebenfalls hin und hergerissen zwischen der traurigen, aber doch hoffnungsvollen Geschichte, die sich wunderbar in Einklang mit der Umgebung bringen lässt. Neuseelands Landschaft ist rau und doch wunderschön.

Whale Rider ist bei keinem gängigen Anbieter in der Flatrate enthalten. Er kann bei iTunes geliehen werden.

Familie Willoughby

Die Handlung: Familie Willoughby, dass sind Vater und Mutter Willoughby, die einer einflussreichen Familie entstammen, und sich unsterblich lieben. Dadurch sind die Kinder Tim, Jane und die Zwillinge, beide mit Namen Barnaby, entstanden. Doch Vater und Mutter sind genervt von allem, was sie von ihrer Liebe zueinander ablenkt. Und so hungern die Kinder und verwahrlosen. Bis sie eines Tages keine Lust mehr haben und beschließen ihre Eltern auf eine Abenteuerreise zu schicken, von der sie hoffentlich nie wiederkommen, damit sie zu Waisen werden. Das sich daraus noch ganz andere Abenteuer entwickeln könnten, ahnen die Kinder nicht.

Meine Meinung: Familie Willoughby ist ein Film, an dessen Animationsstil man sich erst einmal gewöhnen muss. Dies gelingt jedoch schnell und man kann sich auf die Geschichte einlassen. Diese kommt auch mit einigen guten Ideen daher und nimmt – trotz kurzzeitiger Befürchtung einer etwas brutaleren Version – einen kinderfreundlichen Verlauf. Die Themen Kindervernachlässigung und Adoption werden hier im spielerischen Kontext behandelt und bekommen keine Tiefe, was aber auch der Grundstimmung entgegen wirken würde. Das Problem an der Handlung ist eher, dass die Macher zu viele gute Ideen hatten, aber keine für einen runden ganzen Film ausgereicht hätten. So fühlt sich die zusammengesetzte Handlung, die an sich zwar immer noch rund wirkt, aber doch stark episodenartig erzählt wurde. So gibt es eine Episode mit einem Baby, dann geht es um die Reise der Eltern, dann muss ein Hausverkauf verhindert werden, die Willoughbys bekommen eine Nanny und so weiter. Irgendwo ergibt das alles zwar eine Geschichte, aber eigentlich ist es eher eine Kurzgeschichtensammlung, die versucht wurde zu einer Gesamthandlung zu drehen. Hier hätte ich es schöner gefunden, sich auf einen Aspekt zu konzentrieren.

Familie Willoughby ist ein Netflix Original und bei diesem Streaming-Dienst zu sehen.

Emo – The Musical

Die Handlung: Ethan ist ein Emo. Doch an seiner Privatschule in Australien ist er damit alleine. Durch ständiges Mobbing beschließt er sich zu erhängen. Dies scheitert und er fliegt von der Schule. An seiner neuen staatlichen Schule wird er sofort von den Christen aufgenommen, doch als er entdeckt, dass es eine Emo-Rock-Band gibt, ist er Feuer und Flamme in dieser zu spielen. Doch er fühlt sich zu Trinity hingezogen, die jedoch sehr gläubig ist, weswegen sie nicht nur austesten müssen, wie sie zusammenpassen, sondern sich auch vor ihren jeweiligen Freunden verstecken müssen. Als dann auch noch beide Gruppen beim Rock-Bandcontest teilnehmen, herrscht erst richtig Chaos.

Meine Meinung: Ein Musical über Emos, die in einem Bandcontest gegen eine christliche Schulgruppe antritt? Klingt herrlisch schräg und genau nach einem Film für meine beste Freundin. Die war dann so begeistert, dass sie mich dazu zwang diesen Film mit ihr zu sehen. Ich war sehr skeptisch, zumal der Film keine deutsche Synchronisation hat. Es hat keine Woche gedauert, da musste ich den Film unbedingt meinem besten Freund zeigen, weil ich ihn absolut herrlich fand. Auch dieser war zunächst wenig begeistert von den Wörtern Emo, Musical und keine Synchronisation in einem Satz. Doch auch ihn konnte der Film absolut begeistern. Das liegt wohl vor allem daran, dass sich der Film an vielen Stellen selbst nicht so ganz ernst nimmt, an anderen dafür umso mehr. Es wird mit Vorurteilen und Klischees gespielt und diese durcheinander geworfen. Über viele Sachen kann man lachen, wenn jedoch ein Mitglied der Christengruppe aus einem Umerziehungscamp wiederkommt und sich noch immer bei jedem Gedanken an einen Jungen Elektroshocks verabreicht, dann ist das im ersten Moment zwar witzig, aber sobald der Gedanke gesackt ist, überlegt man, warum man eigentlich darüber lachen konnte. Und genau mit solchen Tabus spielt dieses Musical. Versteht mich nicht falsch, es ist an erster Stelle ein Feel-Good-Film mit vielen humorvollen Einlagen und einprägsamen Liedern. Doch im Hintergrund brodelt auch noch die richtige Botschaft.
Wer noch immer nicht überzeugt ist, den möchte ich darauf hinweisen, dass es ein Lied gibt, in dem überlegt wird, ob Jesus nicht vielleicht ein Emo gewesen wäre. Also gebt diesem Film durchaus eine Chance.

Emo – The Musical ist bei Netflix enthalten

Underwater

Die Handlung: Eine Forschungs- und Bohrstation auf dem Grund des Marianengrabens wird durch mehrere Erdbeben erschüttert und größtenteils zerstört. Nur eine kleine Gruppe Wissenschaftler überlebt und versucht über den Meeresboden zu einer anderen Sektion zu kommen, wo noch Rettungskapseln verfügbar sein sollen. Doch etwas ist durch die Erdbeben erwacht und macht nun Jagd auf die Crew.

Meine Meinung: Underwater trägt den Beititel „Es ist erwacht“ und das sagt so ziemlich alles über den Film. Mit nur einer kurzen Exposition wird der Zuschauer gleich in die Katastrophe geworfen. Charaktere werden mit wenigen kurzen Sätzen charakterisiert. Der dunkle Meeresboden und die Beengung durch das umgebende Wasser geben dem Film ohne großes Zutun eine bedrückende Atmosphäre, die allein schon für eine Menge Gruselfaktor sorgt, spielt sie doch mit unseren Urängsten. Hinzu kommen dann jedoch die Unterwasserwesen, die ebenfalls durch die Erdbeben aufgerüttelt wurden. Hier spielt Regisseur William Eubank mit dem sehr wenig Sehen und doch wissen, dass da etwas sein muss. Allein diese Voraussetzung hätte aus dem Film viel machen können. Leider bedient Eubank im darauffolgenden die üblichen Klischees, so dass man mögliche Tode der Charaktere in der exakten Reihenfolge voraussagen kann. So fehlt dem Film Tiefe bei den Charakteren, die so absolut austauschbar sind und es kein Trauern um sie gibt, und ein Alleinstellungsmerkmal, abgesehen vom Setting, das sich von anderen Filmen des Genres abhebt. So ist ein grundsolider Film herausgekommen, der aber relativ schnell wieder aus dem Gedächtnis gespült wird, was schade ist, da hier deutlich mehr möglich wäre.

Underwater ist bei Prime zum Kauf oder Leihen verfügbar. Nicht in der Flatrate enthalten

Everybody’s Fine

Die Handlung: Frank Goode (Robert deNiro) will nach dem Tod seiner Frau seine vier Kinder, die im ganzen Land verstreut wohnen, zu einer Grillparty einladen. Doch nach und nach sagen alle ab. Da Frank durch eine Lungenkrankheit nicht fliegen darf, beschließt er sie alle mit dem Zug zu besuchen, kündigt dies aber nicht an. Auf seiner Reise muss er feststellen, dass seine Kinder ihm wohl nicht immer die Wahrheit über ihre Lebensumstände erzählt haben.

Meine Meinung: Everybody’s Fine ist ein Film, wo man einige Zeit darauf warten muss, bis er klar macht, worauf er hinauswill. Doch sobald er den Punkt erreicht hat, wird es ein Familiendrama, das mit wenig Worten auskommt, und doch tief unter die Haut geht. Wir haben einen sympathischen Familienvater, der noch um seine frisch verstorbene Frau trauert und sich auf einmal ganz alleine in einem großen Haus wiederfindet. Seine Kinder lieben ihn, es fiel ihnen aber immer leichter mit ihrer Mutter über die Probleme zu sprechen und erzählten dem Vater lieber nur die guten Sachen. Im Laufe des Films fallen einem viele kleine Dinge auf, die daraufhin deuten, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Am Ende werden diese Dinge natürlich noch einmal für den abgelenkten Zuschauer aufgezählt, falls man sie übersehen hat. Einige waren sehr deutlich, andere jedoch auch sehr subtil, so dass die Zusammenfassung gar nicht schlecht war. So harmonisiert sich ein schönes Familiendrama zusammen, ruhig erzählt und geht doch sehr tief.

Everybody’s Fine ist bei Prime zum Kauf und Leihen verfügbar. Nicht in der Flatrate enthalten.

Cats

Ein Vorwort

Was hat der Trailer doch für Häme abbekommen. Die Effekte seien zu schwach, das Aussehen schaurig, worum solle es in dem Film eigentlich gehen? Die Kritik endete jedoch nicht nach dem Trailer sondern zog nach Kinostart in einem fort. Cats steuert zielstrebig auf den Flop des Jahres zu. Warum ich den Film gar nicht so schlecht fand, dennoch aber einige Kritikpunkte habe, erfahrt ihr in meiner Kritik.

Die Handlung

Alljährlich findet der große Ball der Jellicle-Cats statt. Dort kürt das Oberhaupt Alt Deuteronimus (Judy Dench) eine Katze, die in den sphärischen Raum eintreten darf, was einer Wiedergeburt gleichkommt. Die Bewerber sind zahlreich und so singen und tanzen sich die Katzen im Bewerbungsprozess durch die Nacht. Neu mit dabei ist Victoria (Francesca Hayward), die frisch auf der Straße ausgesetzt wurde.

Meine Meinung

Praktisch in letzter Sekunde wurde der Film fertig. Regisseur Tom Hooper ließ nach eigenen Angaben noch am Erscheinungstag eine überarbeitete Version fertig stellen. Bereits nach Erscheinen des Trailers wurde ja viel über die CGI Katzen diskutiert. Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass ein Film mit solch einem Budget sich schon etwas einfallen lassen musste, da eine simple Musicalversion mit Kostümen auf der Leinwand wohl noch lachhafter gewirkt haben müsste. Weswegen sich dann jedoch für so eine halbmenschliche-halbtierische Variante entschieden wurde, dürfen die Verantwortlichen selbst erklären. Erwartet hatte wohl jeder eher die normale „Motion-Capture“-Variante, die bereits in Planet der Affen und ähnlichen Filmen für viel Lob sorgte. Letztendlich ist das CGI wohl einer der Hauptgründe für die hohen Produktionskosten, warum man es dann nicht einfach richtig gemacht hat, wer weiß.
Wer jedoch über das Aussehen hinwegsehen kann, der kritisiert zumeist die nicht wirklich existente Handlung. Aber mal ganz ehrlich, was wurde denn bei der Musicalverfilmung erwartet? Cats hatte noch nie eine andere Handlung außer verschiedene Katzen und ihre Eigenarten vorzustellen und genau das tut der Film. Durch die Möglichkeit der wechselnden Kulissen wohl auch ausschweifender als auf der Bühne es möglich wäre.
Damit hätten wir die beiden Hauptkritikpunkte zumindest teilweise wiederlegt bzw. spielen sie eigentlich keine so große Rolle. Ist Cats demnach also doch ein guter Film? Leider kann ich dies auch nicht behaupten. Während viele bereits beim Trailer abgeschreckt waren, war ich völlig begeistert. Mir gingen die altbekannten Lieder direkt unter die Haut und ich freute mich regelrecht auf ein Wiedersehen mit den Jellicle-Katzen, aber…
Zum einen fehlt es den Liedperformances an dem nötigen Pepp. Ich hätte den Film gerne im Originalton gesehen, da ich denke, dass gerade ein Jason Derullo dort noch einmal besser zur Geltung kommt. Die deutsche Synchronisation hatte leider bei vielen Liedern eher schwache Stimmchen engagiert, die den Liedern nicht gewachsen schienen. Hinzu kommt, dass viele Lieder noch einmal im Deutschen umgetextet wurden, um synchroner mit der Lippenbewegung zu sein, was aber gerade in den Nahaufnahmen doch noch einmal auffällt, dass es eben nicht synchron ist. Hinzukommt, unabhängig von der deutschen Synchro, dass einige der Lieder versucht „moderner“ interpretiert wurden, was aber irgendwo auch nicht gepasst hat.
Zum anderen fehlt es gerade der Eingangsperformance (Jellicle Songs for Jellicle Cats) an mitreißender Begeisterung bei der Choreographie. Die Gruppenperformances kommen eher in der zweiten Hälfte zu tragen, dort hat man aber bereits viele Zuschauer verloren.
Letztlich ist zu sagen, dass die Stärke von Cats schon immer in den Liedern steckte, da eine Handlung ja noch nie wirklich vorhanden war. Leider schafft der Film es nur an wenigen Stellen wirklich an die Dynamik in Gesang und Tanz mit dem Musical mitzuhalten. Wirklich positiv in Erinnerung ist mir nur das Lied Skimbleshanks, der Kater vom Nachtexpress in Erinnerung geblieben. Und so ist Cats für mich vielleicht nicht der Totalausfall, den viele beschreiben, aber bei weitem noch kein guter Film.

Das Fazit

Wer sich drauf einstellt, dass eine Handlung nicht vorhanden ist, sich mit dem Aussehen der Katzen anfreunden kann und das Musical selbst nicht kennt, der kann hier durchaus einen Blick wagen. Für die Musicalfans werden die Songs gerade in der deutschen Synchro ein wenig lieblos abgearbeitet. Dafür gibt es 04 von 10 möglichen Punkten.

Cats läuft seit dem 25.12.2019 in den deutschen Kinos.

Ich war noch niemals in New York

Ein Vorwort

Musicalverfilmungen gibt es immer mal wieder mit schwankender Qualität, wie auch so ziemlich jedes andere Genre. Eine deutsche Musicalproduktion ist da schon seltener. Aber der Erfolg des Bühnenmusicals zog eigentlich unweigerlich eine Verfilmung nach sich. So heißt es nun auch im Kino „Vorhang auf“ für eine kunterbunte Geschichte rund um die Lieder von Udo Jürgens.

Die Handlung

Lisa Wartberg (Heike Makatsch) ist eine nicht mehr ganz so erfolgreiche TV-Moderatorin, die dennoch arrogant alle anderen wie Deck behandelt. So vergisst sie auch ihren eigenen Geburtstag und, dass sie bei ihrer Mutter (Katharina Thalbach) eingeladen war. Diese rutscht beim Geschirrspülen aus und landet mit Gedächtnisverlust im Krankenhaus auf. Sie kann sich nur noch an eins erinnern: New York. Also beschließt sie kurzerhand sich auf ein Kreuzfahrtschiff zu schleichen und nach New York zu schippern. Ihre Tochter und deren Maskenbildner Fred (Michael Ostrowski) versuchen sie aufzuhalten und landen ebenfalls als blinde Passagiere an Bord. Dort werden alle drei zum Putzdienst verurteilt. Doch die Abenteuer fangen hier gerade erst an.

Meine Meinung

Hatte ich irgendwelche Erwartungen an den Film? Eigentlich nicht, ich wollte eigentlich nur eine locker flockige Geschichte mit ein paar guten Witzen und schön inszenierten Gesangs- und Tanzeinlagen. Habe ich genau das bekommen? So ziemlich.
Was ich damit sagen möchte, ist, dass Ich war noch niemals in New York bei weitem kein Meisterwerk ist. Dafür ist es ein Film, der sich selbst nicht so ganz ernst nimmt und auch weiß, dass ein Uwe Ochsenknecht nun nicht gerade der beste Sänger ist. Was man am Anfang noch nicht unbedingt glauben mag, denn die Einführung der Charaktere gerät doch etwas holprig. So ist dem Zuschauer zunächst absolut unklar, was die arrogante TV-Moderatorin auf der Leinwand zu suchen hat. Lediglich Heike Makatschs Enthusiasmus in der Rolle, lässt einen nicht zugleich wieder fluchtartig den Kinosaal verlassen. So kommt es dann zur ersten Interpretation eines Songs. „Vielen Dank für die Blumen“ wurde inszenatorisch stark angepasst, ist aber unverwechselbar noch ein Jürgens. Sobald die sehr holprige weitere Charaktereinführung von statten geht, ist man noch dezent gelangweilt. Dies ändert sich erst, als es die Charaktere endlich auf das Kreuzfahrtschiff geschafft haben.
Ab hier kommt eine stimmige Geschichte heraus, die zwar in vielen Bereichen stereotypisch und daher ohne Überraschungen funktioniert, aber dennoch nicht langweilt. Das kommt wohl durch die Vielzahl an vielen auch kleineren Charakteren, die dem ganzen einen gewissen Charme verleihen. Untermalt wird das ganze von immer wieder angespielten Liedern, wobei selten eins wirklich ausgespielt wird und gerade das namensgebende Lied nur einmal oder zweimal dezent erwähnt wird. Richtig angesungen jedoch nicht. Auch werden einige umgeschrieben, um textlich wieder zur entsprechenden Szene zu passen. Dies schadet jedoch weder dem Film, noch den Liedern an sich. Denn durch die farbenfrohe Gute-Laune-Inszenierung, kommt auch genau dies bei den Zuschauern an: Gute Laune. Da stört man sich dann auch nicht an der vorhersehbaren Handlung, den manchmal etwas holprigen Dialogen oder den nicht über Mittelmaß herausreichenden schauspielerischen Leistungen. Man merkt nur, dass so ziemlich jeder Darsteller Spaß am Film hatte und das auch herüberbringt.
Einziges Manko am Ende bleibt, dass die wirklich guten Gags bereits im Trailer enthalten waren.

Das Fazit

Ich war noch niemals in New York hat gewiss einige Schönheitsfehler, die aber gut überdeckt werden, von dem, was der Film eigentlich will: Gute Laune verbreiten. Und dies schafft er durch seine kunterbunte Inszenierung ganz hervorragend. Dafür gibt es 06 von 10 möglichen Punkten.

Ich war noch niemals in New York läuft seit dem 17.10.2019 in den deutschen Kinos.